Wenn der Fußball Rosen küsst

Für viele sind Schrebergärten ein Ort des Rückzugs, der Ruhe und des Friedens. Ein Ort, den sie nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu einem ganz persönlichen Garten Eden gestalten können. So war es auch lange Zeit für Frau Gerlinde Mayer. In den fünf Jahren seit ihrem Pensionsantritt hatte sie ihren Kleingarten samt Ferienhaus in ein kleines Paradies verwandelt. An der Südwand des Häuschens rankten Glyzinien und Efeu. In den Beeten entlang des Zauns rund um ihr kleines Reich zog sie auf der einen Seite Rosen, Tulpen und viele andere Blumen, auf der anderen baute sie ihr eigenes Gemüse an. Alles fein getrennt und geordnet. Auch den Rasen trimmte sie einmal die Woche. Für M gab es nichts schöneres, als am Abend gemütlich mit einer Tasse Tee an ihrem Gartentisch zu sitzen und die Veränderungen zu bewundern, die sie im Lauf des Tages vorgenommen hatte. Dann lehnte sie sich zurück und lauschte dem abendlichen Zirpen der Grillen.
Doch die Idylle sollte sich mit einem Schlag ändern. M untersuchte gerade mit einer Lupe die Rosen am westlichen Rand nach Läusen. Sie hatte sich zwar schon länger nicht mehr mit den kleinen Biestern herumschlagen müssen, doch Vorsicht war ihrer Meinung nach nun mal besser als Nachsicht. Sie hätte nicht tiefer in Gedanken versunken sein können, als plötzlich ein Ball vor ihr ins Rosenbeet knallte. Wie vom Blitz getroffen sprang sie zurück, stolperte und fand sich auf dem Rücken liegend im Gras wieder. Ihr eigener Aufschrei war ihr vor lauter Aufregung gar nicht aufgefallen.
M hatte sich noch gar nicht wieder ganz aufgerappelt, als das Gesicht einer jungen Frau hinter dem Holzzaun auftauchte, die eine ganze Reihe von Entschuldigungen vor sich hin stammelte. Ihr kleiner Junge habe gerade erst das Fußballspielen für sich entdeckt, hätte aber den Bogen noch nicht so ganz raus. Nachdem sie sich abgeklopft hatte, nahm M die Rosen in Augenschein. Der Ball hatte zwar eine umgeknickt, nachdem M aber über dreißig davon in ihrem Beet hatte, war die Sache nicht ganz so schlimm. Es ärgerte sie zwar trotzdem und der Schrecken saß ihr immer noch in den Gliedern, aber M versicherte der jungen Frau, dass alles in Ordnung sei. Nach einem langen Moment betretenen Schweigens stellte die junge Frau sich als die neue Nachbarin namens Julia Gruber vor, aber M dürfe ruhig Julia sagen. Mit einem knappen „Angenehm.“ reichte M ihr den Ball samt der getroffenen Blume über den Zaun. Dann stellte sie sich als M vor.
„Nur ‚M‘?“, fragte Julia
„Gerlinde Mayer im Ganzen, aber M reicht völlig.“, antwortete M so knapp und sachlich es ihr möglich war.
Eine längere Unterhaltung kam nicht zustande, denn Julias Sohn schien ein Energiebündel zu sein, das Julia nie lang aus den Augen lassen konnte und M wollte sich ohnehin weiter um ihre Rosen kümmern, solange das Sonnenlicht dafür reichte. Außerdem ärgerte sie sich immer noch über den Schaden, den der Ball angerichtet hatte, so gering dieser auch war.
Als M an diesem Abend mit ihrer Tasse Tee am Gartentisch saß, wurde ihr erst so richtig bewusst, was diese neue Nachbarin bedeuten würde, denn sie und vor allem ihr ungestümer Junge waren noch immer im angrenzenden Garten. Sie bedeuteten vor allem eins: Lärm. So sehr sie auch wollte, M konnte sich nicht mehr auf die Grillen konzentrieren. Zu oft schallten Ausrufe wie Juhu, Aua und Ups über den Zaun, gefolgt von Gelächter oder mahnenden Worten Julias. Letztendlich reichte es M und sie ging hinein.
Wie sich herausstellte, wohnten die beiden in einem Wohnhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Kleingartensiedlung und waren entsprechend oft in ihrem Gärtchen anzutreffen. Sehr zum Leidwesen der alten Frau, die bald tieffliegende Bälle fürchtete, als wären es Bombenangriffe. Zu allem Überfluss hatte Julia auch noch eine Katze, die sie ans Leben außerhalb der Wohnung gewöhnen wollte und die – so kam es M vor – ihre Notdurft gerne vor allem auf Ms Rasen verrichtete. Anfangs nahm die alte Gärtnerin das noch zähneknirschend hin, ging dann aber dazu über, die Katzenhäufchen zu sammeln und nachts über den Zaun zu werfen, jedes Mal mit den gemurmelten, aber selbstzufriedenen Worten: „Zurück an Absender.“ Wenn sie am nächsten Morgen arbeitete und die Nachbarin ordentlich mit der Katze schimpfen hörte, musste M besonders grinsen.
Der Spätfrühling ging in den Frühsommer über und dieser in den Hochsommer. War es beim Auftauchen der Grubers den ganzen Tag über angenehm warm, so war es nun brütend heiß. Ms Tagesablauf änderte das nur geringfügig. Die Stunden in ihrem Gartenstuhl rückten gegen Mittag und Nachmittag, wo sie meist mit einem kühlen Getränk unter einem großen Sonnenschirm saß und Bücher über Gartenbau las. Gelegentlich auch die Zeitung oder einen Groschenroman. Den fortgeschrittenen Nachmittag und Abend hingegen verbrachte sie damit, sich um ihre Pflanzen zu kümmern und den Garten auch sonst weiter zu verschönern. Jeder Außenstehende würde meinen, Ms einzige beiden Lebensinhalte hätten lediglich die Plätze getauscht. Man müsste schon genauer hinsehen, um den dritten, neuen Bestandteil in Ms Leben zu erkennen: Böse Streiche für die Nachbarin aushecken.
Zum Beispiel hatte M sich nach der dritten tot gebombten Rose angewöhnt, eine Nadel parat zu haben. Rosen hätten immerhin Dornen und wenn der Ball nach seiner nächsten unglücklichen Landung Luft verlöre, dürfte das wohl kaum jemanden wundern. Auch der neue Kompost an der Ecke des Zauns zum Grubergarten entwickelte sich prächtig und Julias Katze wurde immer mehr geschimpft – inzwischen sogar für die Erzeugnisse zweier anderer Nachbarskatzen.
Zwar nutzte M jede Gelegenheit, um sich bei ihren Nachbarn und ihrer Schwester über Julia aufzuregen, aber sie bekam nie die erhoffte Unterstützung. Zwar fanden es die anderen unangenehm, wenn der Sohn so laut herumtollte und niemand freute sich über Katzenhäufchen in seinem Garten, aber wenn man M riet, sie solle sich doch mit der neuen Nachbarin aussprechen, blockte diese bloß ab. Das bringe doch ohnehin nichts und wenn sie sich über den Sohn beschwerte, würde Julia bloß beleidigt sein und dann würde sich erst recht nichts ändern.
Sogar eine Beschwerde beim Obmann des Kleingartenvereins war vergeblich, denn dieser meinte halb hinter seiner Kaffeetasse versteckt: „Sehen Sie, Sie sind doch beide erwachsene Frauen. Ich bin mir sicher, Sie können das unter sich austragen.“
Für M hieß das zwei Dinge: Erstens war sie auf sich selbst gestellt und zweitens hatte der Obmann nur von Austragen gesprochen, nicht davon, dass sie mit ihr reden müsse. Als sie das Büro des Obmanns verließ, dachte sie sich händereibend: Mögen die Spiele beginnen. Auf den Einsatz der Nadel hoffte M jedoch lange Zeit vergeblich, denn Grüber Junior ließ den Ball der Hitze wegen oft zuhause. Dafür hatte er jedoch entdeckt, welchen Spaß es machen konnte, den Rasensprenger voll aufzudrehen und in der Badehose laut lachend, jauchzend und jubelnd durch die Wasserstrahlen zu laufen. Nach nur einer Woche sah das Resultat auf Ms Seite des Zauns folgendermaßen aus: Zwei halb durchweichte Bücher, Wasserflecken an Kissen und Sonnenschirm, eine kaputte Tomatenpflanze und ein so durchweichter Teil des Rasens, dass M es beinahe bereute, sich im Vorjahr gegen einen Fischteich an dieser Stelle entschieden zu haben.
Zwar hatten Julias Pflanzen auch einiges abbekommen, aber es erschien M nur fair, ihre Tomate angemessen zu rächen. Tags darauf saß sie wie gewöhnlich mit einem Buch unter ihrem Schirm, tat aber nur so, als würde sie lesen. In Wirklichkeit lauschte sie, was sich im Garten nebenan so tat. Nach einer Weile spähte sie über den Zaun – weit und breit kein Gruber. So schnell ihre Beine es erlaubten, holte die alte Frau einen Kanister ihres stärksten Unkrautvernichters und verteilte ihn freigiebig über Sträucher, Blumen, Rasen und sogar ein kleines Apfelbäumchen auf Julias Seite des Zauns. Zur Krönung legte sie auch noch mit dem „Katapult“ nach, einer Schaufel, mit der M gerne größere Sammlungen von Katzenkot zu ihrer Nachbarin schleuderte.
Auf ähnliche Weise verlief der Rest des Sommers. Letztendlich wurde Julia klar, wem sie (neben ihrem Sohn) für den erbärmlichen Zustand ihres Gartens zu danken hatte. Man konnte über Ms diabolisches Genie ja sagen, was man wollte, aber mitten am Tag laut summend mit zwei neuen XL-Kanistern Unkrautvernichter heim zu kommen, trug nicht gerade zur Geheimhaltung ihrer Machenschaften bei.
Spätestens von da an herrschte zwischen den beiden Schrebergärten ein ausgewachsener Krieg. Den ganzen Spätsommer und Herbstbeginn folgte ein böser Streich auf den nächsten, neben Salven aus dem Gartenschlauch, Katzenhäufchen und Unkrautvernichter flogen auch bald Laub, Schnecken, zusammengesuchte Zigarettenstummel und einmal sogar eine Ringelnatter über den Zaun. Dass keine der beiden je auf den Einsatz von Molotowcocktails kam, grenzt an ein Wunder. Aber auch ohne Brandsätze sahen die beiden Grundstücke bald der Gegend vom Verdun des ersten Weltkriegs ähnlicher als einem vernünftigen Garten.
Als hätte der aktive Beschuss nicht gereicht, so entdeckten beide Seiten rasch die Möglichkeiten akustischer Kriegsführung. Kaum drehte Julia ihre Mischung aus Pop und Rock’n’Roll lauter, fand sich auch schon Ms Hand am Lautstärkeregler ihres Radios wieder, um mit einer entsprechend lauten Ladung Schlager zu antworten.
Wie bei allen Kriegen, kleinen wie großen, kalten wie warmen, gab es auch hier Kollateralschäden. Und so kam es, dass sich schließlich die übrigen Nachbarn der Kleingartensiedlung beim Vereinsobmann beschwerten.
Zwar hatten beide Streithennen es insgeheim kommen sehen, aber zumindest des Anscheins halber gaben Julia und M sich zutiefst verwundert, sich neben der jeweils anderen im Büro des Obmanns wiederzufinden. Nach einer schier endlosen Moralpredigt, der keine der beiden so recht zuhörte, sprach er das folgenschwere Ultimatum aus: „Entweder ihr reißt euch zusammen und vertragt euch, oder ihr sucht euch beide einen neuen Garten!“
Schweigsam kehrten die beiden Frauen auf ihre jeweiligen Seiten des Schlachtfelds zurück. Den restlichen Tag über schwiegen die Radios und auch sonst flog nichts über den Zaun. Tags darauf kam der Regen. Selbst wenn eine der beiden die Gemeinheiten hätte fortsetzen wollen, verbannten sie Regen und Kälte nach drinnen. Und das Tag um Tag um Tag. Man könnte denken, das Wetter hätte die beiden zermürbt, sie wären zuhause gesessen und hätten die Glut ihres Zorns nur noch weiter geschürt. Doch das Gegenteil war der Fall. Der Regen zwang ihnen eine längst benötigte Pause auf, und die Erkenntnis, wie sehr das Ganze aus dem Ruder gelaufen war.
Es dauerte eine volle Woche, bis die Sonne wieder schien. M krabbelte gerade auf allen Vieren durch den Garten und zupfte Zigarettenstummel aus den verdorrten Überresten ihrer Rosen, als sie von jenseits des Zauns ähnliche Geräusche hörte. So begann der Wiederaufbau, erst still und friedlich nebeneinander, später gemeinsam.
Ein Jahr später konnte sich keine der beiden mehr erinnern, wer sich zuerst bei wem entschuldigt hatte, doch beide waren froh über die Aussprache. Inzwischen sahen die Gärten besser aus denn je und die Gärtnerinnen verstanden sich bestens. Manche meinen, das käme daher, dass sie nun Probleme immer gleich bei Kaffee und Kuchen ansprachen. Andere glauben, dafür sei der Gruppe Maulwürfe zu danken, die im Frühling die Schrebergärten heimsuchten. Doch alle sind einstimmig froh darüber, dass in der Kleingartensiedlung wieder Ruhe und Frieden eingekehrt sind. Von den Maulwürfen einmal abgesehen.

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