RdS – Kapitel V: Athyrrim

Zuerst war die Welt weiß. Seine Augen fühlten sich an, als hätte jemand sie mit Nadeln gespickt. Nur nach und nach konnte er Farben und grobe Formen ausmachen, dann auch Konturen und endlich konnte Athyrrim die Welt vor sich wieder erkennen. Als er in Moronds Schmieden hinabgestiegen war, waren die Hänge und Wiesen unterhalb der Festung mit Schnee bedeckt – jetzt hingegen erstreckte sich vor ihm ein üppiges Meer aus Grün, durchsetzt mit den weißen Blüten von Narzissen und dem Blau von Vergissmeinnicht.
Jeder andere hätte innegehalten, den Anblick und die Wärme der Sonne auf dem Gesicht genossen. Aber Athyrrim zog es weiter. „Zeit zu gehen.“, hatte Vatharon zu ihm gesagt. Als er mit seinem neuen Schwert als Tätowierung im rechten und zwei Dolchen und vier Wurfmessern im linken Arm aus Moronds Schmiede zurückkehrte, wurde er bereits vom Kommandanten der Festung erwartet – und von seinem ersten Auftrag.
Seine wenigen Sachen hatte er schnell gepackt, sein knielanges schwarzes Gambeson mit der Kapuze angezogen und für Ober-, Unterarme und Schultern zusätzliche Rüstungsteile aus hartgekochtem Leder angelegt. Danach hatte er Morond so schnell wie möglich verlassen. Zum einen gab es dort niemanden, von dem er sich verabschieden hätte wollen, zum anderen verlangte sein Auftrag Eile.
Kaum hatten sich seine Augen an das Licht gewöhnt, marschierte er schon mit langen Schritten den Hang hinab; vorbei an Bäumen, die Morond tarnten und vorbei an Strohmännern, in die sich Pfeile, Armbrustbolzen, Wurfmesser und sogar Speere bohrten.
Am unteren Ende der Wiese kam er wenig später in einen dichten Nadelwald. Mit der Dunkelheit hier kam er um einiges besser zurecht als mit dem grellen Licht auf der Wiese. Wie muss es dann den Schmieden gehen?, fragte er sich, während er einem kleinen Bach bis ins Tal folgte.
Schwarzwasser hieß das kleine Bauerndorf, wo der Bach in den Fluss Riam mündete, dem Athyrrim nun bis an den Rand des Gebirges folgen würde. Die meisten Bewohner des Dorfes verzogen sich in ihre Häuser, als sie ihn sahen. Bis auf einen besonders alten Bauern mit langem weißem Bart, der vor seinem Haus auf einer Bank saß. Auf seinem Schoß hatte er eine große halb verrostete Sense liegen, die er wohl gerade geschliffen hatte. Nun aber saß der alte Mann ganz ruhig da und ließ den jungen Schatten keinen Moment aus den Augen, als dieser auf die ausgebaute Straße einbog, die von Ithrul bis nach Morond führte. Erst als Athyrrim das Dorf längst hinter sich gelassen hatte, hörte er, wie die Bauern und vor allem ihre Kinder wieder zu ihrem Alltag zurück fanden.
Sie können von Glück reden, dass sie nicht am Gebirgsrand leben. Zwei Tage lang folgte er der Straße, vorbei an ähnlichen Dörfern, an Äckern, die gerade bestellt wurden und an kleineren Laubwäldern. Zu beiden Seiten erhoben sich gewaltige Bergmassive, die nicht weniger einladend wirkten, als ein mit Knochen übersäter Eingang in eine Bärenhöhle. Den Rest des ersten Tages hatte seit seinem Aufbruch die Sonne geschienen – sogar nachdem sie bereits hinter den Gipfeln verschwunden war, nervte Athyrrim das viele Licht noch.
Als er am nächsten Morgen nach einer kalten, sternenklaren Nacht aufwachte, war der Himmel mit dunklen Wolken verhangen und ein dünner Nebelschleier lag über dem Fluss. Er war nur froh, dass der drohende Regen ihn die Nacht über verschont hatte.
Es war Abend, als er ein weiteres kleines Bauerndorf an einer Weggabelung erreichte – oder dessen verkohlte Überreste. Hier haben sie also schon gewütet. Ein Blick auf die Fußspuren im weichen Boden reichte, um zu wissen, was hier vorgefallen war. Was sechs Banditen anrichten können …
Sämtliche Einwohner hatten sie in das größte der vier Häuser getrieben, die Tür verrammelt und dann das Strohdach angezündet. Athyrrim suchte weiter nach Spuren, wohin die Gesetzlosen weitergezogen sind. Kein Geräusch, sondern ein Geruch ließ ihn aufblicken. Aus einem kleinen bewaldeten Tal abseits der Straße stieg Rauch auf. Hab ich euch.
Nach ein paar Schritten auf dem Feldweg zum Tal hin hielt er noch einmal inne, nachdem er auf etwas merkwürdig Weiches getreten war. Es war eine Puppe, von Blut rot gefärbt.


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