Der gute Geist in der Damentoilette

Tina Kerner nahm einen ersten tiefen Schluck von ihrem Cappuccino. Genau so, wie sie ihn gern hatte: Schön warm, aber nicht zu warm, schön süß, aber nicht zu süß und schön cremig – da konnte man’s nicht übertreiben.
„Dir is‘ schon klar, dass ich daheim auch eine Kaffeemaschine hab?“, Martin ließ sich ihr gegenüber auf den Stuhl fallen.
„Ich freu‘ mich auch, dich zu sehen, Schatz.“ Sie öffnete ihren Pferdeschwanz und ließ die dunkelbraunen Haare über ihre Schultern fallen. „Wie war dein Tag?“
„Nervig.“
„Warum?“
„Frag nicht.“
Tina knurrte, aber das störte ihn offenbar nicht, denn er stand auf und holte sich einen Verlängerten. Also wandte sie sich wieder ihrem Buch zu – Pablo Nerudas Las piedras del cielo, die Steine des Himmels. Zwei Zeilen schaffte sie, dann war Martin schon wieder zurück.
„Liest du das fürs Studium oder so zum Spaß?“
„Ein bisschen was von beidem.“
„Wieso liest du das nicht daheim weiter?“
„Bei mir oder bei dir?“
Martin seufzte. „Sag mal, hast du es nicht langsam satt, diese Frage immer wieder zu stellen?“
Tina blickte von ihrem Buch auf. „Worauf willst du hinaus?“
„Dass wir langsam mal zusammenziehen sollten.“
Diesmal war es Tina, die seufzte. Schon wieder dieses Thema, dachte sie. Es auszusprechen hätte sie sich aber nie getraut, sonst wär er wieder laut geworden. Vielleicht nicht im Café, aber daheim dann. Die Frage war nur: Bei wem daheim?
Tina zuckte zusammen, als ihr plötzlich jemand die Hand auf den Unterarm legte. Sie sah nach rechts und blickte in die tiefblauen Augen von Opa Kerner. Dann sah sie wieder zu Martin, aber der schien den Alten überhaupt nicht zu registrieren. Opa Kerner lachte, beugte sich vor und sagte: „Ganz recht, ich bin nicht wirklich da.“
Tina wagte es nicht, zu antworten. Sonst hält Martin mich am Ende noch für verrückt, dachte sie.
„Also was du an dem findest …“, murmelte Opa Kerner, als er Martin musterte, „Du willst doch nicht im Ernst mit dem da zusammen ziehen, oder?“
Bitte sei ruhig, flehte Tina in Gedanken.
„Na gut. Aber das ist keine Antwort, junge Dame!“
Du kannst meine Gedanken verstehen?
„Nur die, von denen du willst, dass ich sie verstehen kann. Außerdem bin ich auch nur ein Gedanke von dir. Oder eine Vorstellung, was ja eigentlich das Gleiche ist; nur ein bisschen komplexer.“
„Wieso schaust du so geschockt?“, fragte Martin. „Hast du einen Geist gesehn?“
„Nicht … so … direkt.“
„Stimmt, sie sieht den Geist noch immer.“, scherzte ihr Großvater und zwinkerte Tina zu.
All das wurde ihr langsam zu viel. Mit einem knappen „Bin gleich wieder da.“ eilte sie auf die Toilette. Vor dem Spiegel atmete sie einige Male tief ein und aus. Außer ihr war niemand sonst im Raum – zum Glück. Die Ruhe tat ihr gut. Tina drehte den Wasserhahn auf und wusch sich mit dem kalten Wasser das Gesicht. Als sie wieder in den Spiegel aufsah, sprang sie vor Schreck in die Luft; Opa Kerner saß auf einem Hocker hinter ihr, ein Bein über das andere geschlagen.
„Geht’s wieder?“, fragte er aufrichtig besorgt.
„Nein, verdammt! Ich bin hier auf einer Toilette mit dem Geist meines toten Opas!“, fauchte sie zurück.
„Gut, das könnte vielleicht irgendwie ein bisschen irritierend wirken. Das hat aber alles seine Gründe.“
„Und zwar? Verlier ich den Verstand?“
„Mitnichten! Ich bin schon aus gutem Grund hier.“
„Und der wäre? Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber ich bin mit meinem Freund hier.“
„Ja und nein.“
„Was soll das wieder heißen?“
„Du bist hier und er ist draußen. Und selbst wenn du dich wieder zu ihm setzt, bist du im Café und er ist es, aber seid ihr es wirklich zusammen oder eher jeder für sich?“
„Ich verstehe nicht.“
Opa Kerner seufzte und fuhr fort: „Es war einmal ein Mädchen, das von Drachen und von Abenteuern in fernen Ländern träumte – und nicht von bärtigen Bengeln, mit denen sie nicht zusammen ziehen will.“
„Ach daher weht der Wind.“
„Da weht er her, ja.“
Tina rieb sich die Schläfen und konnte nicht umhin, zu schmunzeln. Er war noch immer genau der gleiche alte Märchenonkel, ein Träumer, dessen Geschichten sie stundenlang zugehört hatte. Aber leider waren es eben nur Geschichten, dachte sie in einem Anflug von Traurigkeit.
„Geschichten sind alles! Das ganze Leben ist eine einzige große Geschichte, meine Liebe.“
„Kannst du mal aufhören, in meinen Gedanken zu stöbern?“
„‘tschuldigung.“
„Trotzdem gibt’s in echt keine Drachen und so.“
„Natürlich gibt es die, meine Liebe. Da draußen lauert einer auf dich und wartet nur darauf, dich in seine Höhle zu schleifen.“
„Wer sagt, dass Martin nicht der strahlende Ritter in meiner Geschichte ist?“
„Dann würdest du anders auf ihn eingehen und ihm gern in seine Burg folgen. Tust du aber nicht. Er ist ein Drache.“
Genervt legte Tina den Kopf in den Nacken und starrte zur Decke. „Wir reden hier vom echten Leben. Hier gibt’s nicht nur Drachen und strahlende Ritter.“
„Natürlich nicht. Es gibt Könige, Hofnarren, Herolde, Gaukler, böse Hexen und sogar den weisen alten Zauberer, der immer recht hat.“
„Das hättest du gerne.“
Er grinste und stand auf; der Hocker verschwand, Tina rieb sich die Augen. Erst der Opa, jetzt der Hocker. Was bilde ich mir eigentlich noch alles ein?
„Die Probleme, die dich von deinen Träumen abhalten.“
„Opa!“
„Ich hab versucht, wegzuhören, aber das Stichwort war einfach perfekt.“
„Du machst mich wahnsinnig!“
„Wenn es denn hilft.“
Sie verdrehte die Augen und atmete noch einmal tief durch.
„Schön. Was soll ich also deiner Meinung nach tun?“
„Das weißt du ganz genau. Ein Wunsch, eine Idee, die du dir nicht eingestehen willst.“
„Du meinst das Auslandssemester?“
Opa Kerner lachte und sie meinte, einen Hauch von Stolz heraushören zu können. „Hast du also doch noch nicht ganz vergessen, wer du bist und was du eigentlich willst, kleine Heldin?“
Von allen Spitznamen, die er ihr im Lauf ihres Lebens verpasst hatte, war ihr dieser am liebsten. „Und du meinst, dafür ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt?“
„Manchmal ist die Zeit recht, manchmal muss man einfach entscheiden, dass sie recht ist.“
„Na schön.“, murmelte sie. Noch einmal atmete sie tief durch und fasste Mut. Sie wusste nicht, wie lange sie auf der Toilette gewesen war, aber Martin schien ihre Abwesenheit nicht gestört zu haben. Er war im Sportteil irgendeiner Zeitung vertieft, als sie sich räusperte.
„Da bist du ja.“, stellte er fest, als er zu ihr aufsah. „Wollen wir dann?“
„Ich schon. Aber nicht zu dir.“
„Wohin dann?“
„Barcelona, Madrid, Sevilla … wo immer mein Weg mich hinführt.“

6 Gedanken zu “Der gute Geist in der Damentoilette

  1. Hat mir sehr gut gefallen! Mal was ganz anderes von dir!
    Also ich habe mir Donald Sutherland als Opa Kerner vorgestellt, aber ich glaube nicht, dass er auch deine Wahl gewesen ist 😉

  2. Heda! Nach einigem Überlegen glaub ich, dass du Ian McKellen im Kopf hattest…Christopher Lee ist wahrscheinlich der von der anderen Seite der Familie 😛

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