Das Schach-Prinzip

Ich träumte, ich ginge wieder zur Schule. Aber nicht irgendeine Schule, sondern eine ganz besondere. Die Klassen waren klein, die Lehrer geduldig. Nach Talenten und Begabungen wurde aktiv gesucht, um sie zu fördern und uns Kindern zu zeigen: „Darin seid ihr gut. Wirklich, wirklich gut.“ Natürlich gab es dann noch den gewöhnlichen Unterricht, wir lernten zu lesen, zu schreiben, zu rechnen, wie es in Fröschen aussieht und wie man einen im Werkunterricht angesägten Daumen verarztet.
Doch das mit Abstand beeindruckendste war die Eingangshalle, ein riesiges Schachbrett, auf dem einige wenige Figuren wild verteilt standen, wie in einem ewig andauernden Patt. Jede Figurenart war vertreten: Bauern, denen die jüngsten Schüler gerade einmal in die Augen sehen konnten, mannshohe Türme, Springer und Läufer und alles und jeden überragende Damen und Könige. An diesem gigantischen Schachbrett schien man nicht gespart zu haben. Die weißen Felder und Figuren waren aus reinem Marmor, die schwarzen aus purem Obsidian.
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Wenn der Fußball Rosen küsst

Für viele sind Schrebergärten ein Ort des Rückzugs, der Ruhe und des Friedens. Ein Ort, den sie nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu einem ganz persönlichen Garten Eden gestalten können. So war es auch lange Zeit für Frau Gerlinde Mayer. In den fünf Jahren seit ihrem Pensionsantritt hatte sie ihren Kleingarten samt Ferienhaus in ein kleines Paradies verwandelt. An der Südwand des Häuschens rankten Glyzinien und Efeu. In den Beeten entlang des Zauns rund um ihr kleines Reich zog sie auf der einen Seite Rosen, Tulpen und viele andere Blumen, auf der anderen baute sie ihr eigenes Gemüse an. Alles fein getrennt und geordnet. Auch den Rasen trimmte sie einmal die Woche. Für M gab es nichts schöneres, als am Abend gemütlich mit einer Tasse Tee an ihrem Gartentisch zu sitzen und die Veränderungen zu bewundern, die sie im Lauf des Tages vorgenommen hatte. Dann lehnte sie sich zurück und lauschte dem abendlichen Zirpen der Grillen.
Doch die Idylle sollte sich mit einem Schlag ändern. M untersuchte gerade mit einer Lupe die Rosen am westlichen Rand nach Läusen. Sie hatte sich zwar schon länger nicht mehr mit den kleinen Biestern herumschlagen müssen, doch Vorsicht war ihrer Meinung nach nun mal besser als Nachsicht. Sie hätte nicht tiefer in Gedanken versunken sein können, als plötzlich ein Ball vor ihr ins Rosenbeet knallte. Wie vom Blitz getroffen sprang sie zurück, stolperte und fand sich auf dem Rücken liegend im Gras wieder. Ihr eigener Aufschrei war ihr vor lauter Aufregung gar nicht aufgefallen. Weiterlesen

Prinzessin Andersrum und der Drache

Es war einmal ein Königreich des Wohlstands. Meist schien die Sonne, und Regen gab es nur, wenn er gebraucht wurde. Im ganzen Land herrschte Frieden, denn Monster und Bösewichte waren nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Werwölfe gab es nur noch als Bettvorleger, die Vampire hatten den Trend der veganen Ernährung nicht überlebt, die Hexen hatten einen Imagewandel vollzogen und waren Konditorinnen geworden. Verrückte Wissenschaftler fand man nur noch in geschlossenen Anstalten oder in Selbsthilfegruppen.
Allen im Reich ging es gut – viel zu gut. Denn von allen Schrecken befreit, hatte das Volk immer mehr Zeit, sich über Sachen wie Mitbestimmungsrecht oder Steuern Gedanken zu machen. Und das passte dem König wiederum gar nicht. Er fand nämlich, er habe es früher leichter gehabt. Eines Tages, als unter dem Balkon, wo er täglich gern seine Pfeife rauchte, besonders laut für einen neuen Blödsinn namens Rentenversicherung demonstriert wurde, platzte ihm endgültig der Kragen. Weiterlesen

Das Tagebuch des Anthony Borgins


Montag, 29. April 1732
Es war ein strahlend sonniger Tag, als ich im Hafen von Deptford, südöstlich von London ankam. Auf dem Gelände herrschte ebenjene rege Betriebsamkeit, die man in Häfen zu erwarten hatte: Kisten und Fässer wurden mit laufradbetriebenen Kränen auf Schiffe geladen, hier hämmerte jemand, woanders hörte man Sägen und blickte man sich weiter um, wurden Segel geflickt und Kommandos gebrüllt. Jeder auch nur halb verrückte Seemann fühlt sich hier beinahe mehr zuhause als im eigenen Bett. Weiterlesen

Der Albtraum

Stell dir vor, du gehst eines Abends zu Bett, schläfst ein und findest dich auf einem nächtlichen Ozean wieder. Du blickst nach unten und erkennst: Du stehst mit nackten Füßen direkt auf der Wasseroberfläche. Und obwohl die Wellen auf und ab gehen, dich mehrere Meter heben und senken und die Gischt dir ins Gesicht spritzt, gehst du nicht unter. Du siehst dich um. Um dich herum erstreckt sich die wabernde, schwarze See, die nur schwach von einem wolkenverhangenen Vollmond beleuchtet wird. Letztlich entdeckst du in der Ferne die Umrisse einer Insel, die wie ein Berg aus dem Ozean ragt. Auf ihrem Gipfel steht ein Haus, das in gleißend helles, Rettung versprechendes Licht getaucht ist.
Du gehst darauf zu, erst langsam, dem unruhigen „Boden“ misstrauend, dann schneller, verzichtest aber – um das Gleichgewicht zu halten – darauf zu laufen. Nach einer Weile kommt es dir vor, als würde die See mit jedem weiteren Schritt ein wenig rauer. Du drosselst dein Tempo, wirst zwar hin und her geschleudert, gehst aber weiter – bis du plötzlich ein tiefes Knurren unter der Wasseroberfläche hörst.
Du blickst dich erneut um, erkennst zunächst nichts. Dann aber taucht gut zehn Meter zu deiner Rechten eine riesige, gerippte Rückenflosse auf und wieder unter. Du hältst zunächst inne, als dann jedoch die Geräusche näher kommen und auch lauter werden, rennst du los.
Wenig später schießt keine fünf Meter zu deiner Linken eine gewaltige Fontäne aus dem Wasser. Der Wal – es ist doch ein Wal? – folgt dir. Du beschleunigst, fällst ein paar Mal fast, fängst dich aber stets wieder. Die Insel kommt in immer greifbarere Nähe. Nun glaubst du sogar, im Mondlicht einen Strand zu erkennen. Land! Rettung! Du rennst so schnell du kannst, und bremst gerade noch rechtzeitig, als eine Schwanzflosse von der Größe eines Wagens vor dir aus dem Wasser schnellt, wieder hinab peitscht und dich unter Wasser reißt.
Der Sog schleudert dich herum. Aus oben wird unten, aus links wird rechts und ein gewisser Druck in der Lunge erinnert dich daran, dass du Luft zum Atmen brauchst.
Endlich entdeckst du eine leuchtende Kugel in der Ferne – der Mond! Du paddelst und strampelst nach Leibeskräften, dem Mond, der Luft entgegen, als plötzlich rings um dich Blasen aufsteigen. Du blickst nach unten und siehst gerade noch, wie ein riesiges offenes Maul auf dich zu schnellt.
Es schnappt zu. Du wirst in absolute Dunkelheit gehüllt. Und die Luft wird knapp.


Und dann? Wie soll die Geschichte für euch weitergehen? Oder enden? Schreibt mir eure Fortsetzungen in die Kommentare!

Der gute Geist in der Damentoilette

Tina Kerner nahm einen ersten tiefen Schluck von ihrem Cappuccino. Genau so, wie sie ihn gern hatte: Schön warm, aber nicht zu warm, schön süß, aber nicht zu süß und schön cremig – da konnte man’s nicht übertreiben.
„Dir is‘ schon klar, dass ich daheim auch eine Kaffeemaschine hab?“, Martin ließ sich ihr gegenüber auf den Stuhl fallen.
„Ich freu‘ mich auch, dich zu sehen, Schatz.“ Sie öffnete ihren Pferdeschwanz und ließ die dunkelbraunen Haare über ihre Schultern fallen. „Wie war dein Tag?“
„Nervig.“
„Warum?“
„Frag nicht.“
Tina knurrte, aber das störte ihn offenbar nicht, denn er stand auf und holte sich einen Verlängerten. Also wandte sie sich wieder ihrem Buch zu – Pablo Nerudas Las piedras del cielo, die Steine des Himmels. Zwei Zeilen schaffte sie, dann war Martin schon wieder zurück.
„Liest du das fürs Studium oder so zum Spaß?“
„Ein bisschen was von beidem.“
„Wieso liest du das nicht daheim weiter?“
„Bei mir oder bei dir?“
Martin seufzte. „Sag mal, hast du es nicht langsam satt, diese Frage immer wieder zu stellen?“
Tina blickte von ihrem Buch auf. „Worauf willst du hinaus?“
„Dass wir langsam mal zusammenziehen sollten.“
Diesmal war es Tina, die seufzte. Schon wieder dieses Thema, dachte sie. Es auszusprechen hätte sie sich aber nie getraut, sonst wär er wieder laut geworden. Vielleicht nicht im Café, aber daheim dann. Die Frage war nur: Bei wem daheim?
Tina zuckte zusammen, als ihr plötzlich jemand die Hand auf den Unterarm legte. Sie sah nach rechts und blickte in die tiefblauen Augen von Opa Kerner. Dann sah sie wieder zu Martin, aber der schien den Alten überhaupt nicht zu registrieren. Opa Kerner lachte, beugte sich vor und sagte: „Ganz recht, ich bin nicht wirklich da.“
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Der plötzliche Spaziergang

Zur Erklärung vorab: Dieser Text entstand im Zuge einer Übung zu Krimi und Thriller bei Marlen Schachinger. Vorgegeben war der erste Absatz, geschrieben von Franz Kafka. Von da an sollte daraus unter weitgehender Beibehaltung des Schreibstils ein Krimi, ein Thriller oder eine Horrorgeschiche gemacht werden.

„Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor abgesperrt ist, und wenn man und trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet … (Franz Kafka) Weiterlesen

Gelegenheiten

„James? James!“ Ein leichter Klaps auf seinen Hinterkopf riss James aus seinen Gedanken.„Kümmere dich um unsere Kunden und häng nicht dauernd Tagträumen nach!“, ermahnte ihn sein Vater. James nahm eilig von einem verärgerten Mann das Geld für ein paar Äpfel und eine Birne entgegen. Seit Jahren schon half er dabei, am Stand seines Vaters alle möglichen Sorten Obst und Gemüse zu verkaufen. Es war kein einfaches Geschäft, aber sie kamen über die Runden. Irgendwann würde er den Stand übernehmen.
„Woran hast du nur wieder gedacht? Deine Geschichten?“, fragte ihn sein Vater. Eigenartigerweise konnte James dieses Mal nicht sagen, worum es gegangen war. Waren es die Felder und Wälder außerhalb der Stadt, wo er sich in seiner Freizeit häufig herumtrieb? Oder der Streich, den er gemeinsam mit ein paar Freunden die Woche zuvor dem Müller gespielt hatte? Womöglich wirklich eine der Geschichten, die er immer wieder im Pub zum Besten gab? Vielleicht sogar seine Lieblingsgeschichte von der Prinzessin, die einen entführten Drachen aus den Fängen eines blutrünstigen Ritters rettete? Eigenartig. Sonst vergaß er seine Grübeleien nie. Als der Vater nach ein paar Minuten noch immer keine Antwort von seinem Sohn bekam, schüttelte er nur den Kopf und wandte sich wieder seinen Kunden zu. ­­James ließ den Blick über den Marktplatz schweifen. Es herrschte das übliche Vormittagschaos. Standbesitzer warben lautstark für zarte Lammkeulen, frisch gebackenes Brot, Nüsse aus fernen Ländern – in der Luft vermischten sich Düfte von Tulpen, Rosen und anderen Blumen mit Zimt und Oregano von einem Gewürzstand und leider auch mit Fisch, an dessen Frische James ernsthafte Zweifel hatte.
Er seufzte. Ein Tag wie jeder andere.
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