Das Tagebuch des Anthony Borgins


Montag, 29. April 1732
Es war ein strahlend sonniger Tag, als ich im Hafen von Deptford, südöstlich von London ankam. Auf dem Gelände herrschte ebenjene rege Betriebsamkeit, die man in Häfen zu erwarten hatte: Kisten und Fässer wurden mit laufradbetriebenen Kränen auf Schiffe geladen, hier hämmerte jemand, woanders hörte man Sägen und blickte man sich weiter um, wurden Segel geflickt und Kommandos gebrüllt. Jeder auch nur halb verrückte Seemann fühlt sich hier beinahe mehr zuhause als im eigenen Bett.
Ich steuerte auf eine kleine Brigg namens HMS Good Fortune zu, die am Ende des äußersten Piers lag. Der Zweimaster sollte in wenigen Tagen in See stechen und über die Kanaren Kurs auf die Karibik nehmen. Die Good Fortune ist bereits das zweite Schiff, auf dem ich als Midshipman – als Offiziersanwärter – dienen werde, und mein drittes Schiff überhaupt. Ich kam gerade recht, um mich mit einem anderen Midshipman namens Mark Stevens gemeinsam beim Captain zum Dienst zu melden. Mit 17 Jahren ist Mark knapp ein Jahr älter als ich. Wie er mir später erzählte, bereitet er sich schon aufs Leutnantsexamen vor.
Beim Dienstantritt wäre mir beinahe bereits mein erster Fehler unterlaufen: Kaum an Bord marschierte ich schnurstracks auf das Achterdeck und auf einen Offizier Ende Vierzig zu, dessen wettergegerbtes Gesicht und ganze Haltung „Seebär“ geradezu herausschrien. Ich setzte bereits zu Sprechen an, als mir auffiel, dass er lediglich die Uniform eines Segelmeisters trug. Captain Worthington selbst stand achtern an der Reling und war überraschend jung – etwa Mitte Zwanzig. Gegen Abend erzählte mir einer der Seemänner, dass ihm derselbe Fehler zwei Tage zuvor unterlaufen war. Der Captain ist der zweite Sohn des Vize-Admirals Lord Arthur Worthington und verdankt es hauptsächlich diesem Umstand, dass er so jung sein eigenes Kommando bekommen hat. Noch dazu mit einer recht simplen Aufgabe: Nach Antigua (einer kleinen Insel in der Karibik) segeln, dort den neuen Gouverneur abladen und sich dann der hiesigen Flotte anschließen. Bei den Vorbereitungen des Schiffs hielt er sich meist im Hintergrund oder zog sich ganz auf seine Kajüte zurück, während seine Leutnants und vor allem der Segelmeister John Barley die Aufsicht übernahmen.
Freitag, 2. Mai 1732
Nachdem uns das Wetter die letzten Tage einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, konnten wir heute endlich in See stechen. Trotzdem herrscht an Bord immer noch eine eigenartige Stimmung. Vor zwei Tagen kam ein dicker Glatzkopf im Reitmantel an Bord und gab sich als Lord Mortimer Bonner zu erkennen, der ebenfalls auf diese Fahrt mitkommen würde. Dieses Vorhaben bekräftigte er mithilfe eines Schreibens, das er dem Captain überreichte. Und als hätte das nicht gereicht, hatte der Lord noch vier Begleiter dabei, die anders als er selbst durchtrainiert und nach ehemaligen Soldaten aussahen. Worthington schien die Sache nicht sonderlich zu schmecken, aber er nickte schließlich. Der Lord quartierte sich kurzerhand in der Kajüte des Captains ein, während seine Schläger sich in den Mannschaftsquartieren einnisteten. Sogar nach zwei Tagen hatte sich noch immer niemand an diese sonderbaren fünf Passagiere gewöhnt.
Das Auslaufen verlief großteils problemlos. Diesen Moment muss man einfach lieben: Wenn man an Deck steht und der Wind die gerade erst gesetzten Segel erfasst. Wie der Rumpf durch die Wasseroberfläche gleitet. Wie Hafen und Landschaft vorbeiziehen. Und die ganze Zeit denkt man: „Und das ist erst der Anfang!“
Nach Verlassen des Docks ging es erst die Themse abwärts bis zu ihrer Mündung in den Ärmelkanal. Als wir jedoch gegen Mittag Margate am nordöstlichsten Punkt Kents passierten, gab Captain Worthington einen sehr verstörenden Befehl: Kursänderung direkt nach Süden – direkt gegen den Wind. Man musste kein Segelmeister sein, um zu erkennen, dass dieser Mann wenig praktische Erfahrung mit der Seefahrt hatte. „Nun?“, fragte er in die Runde fassungslos starrender Offiziere, als niemand seinen Befehl ausführte oder weitergab, bis ihn Master Barley kurz zur Seite nahm. Nach einer kurzen, geflüsterten Diskussion gab der Captain mit erbost rotem Kopf einen neuen Befehl: Aufkreuzen. Danach verschwand er in seiner Kajüte und ließ sich einige Zeit nicht mehr blicken.
Samstag, 3. Mai 1732
Wir passierten am frühen Nachmittag die französische Insel Guernsey. Zwar herrscht zurzeit Frieden mit den Franzosen, doch trotzdem beäugte die Crew misstrauisch jedes näher kommende Schiff. Vor allem der Lord wetterte gegen Ludwig XV., gegen Paris, Frankreich im Allgemeinen und sogar gegen einen der Seemänner, nur weil dieser Sean hieß.
Der Captain nutzte die Ablenkung, um sich mit dem Kommandieren des Schiffs vertrauter zu machen. Zum Glück – nicht nur zu seinem – blies der Wind gleichmäßig aus nordwestlicher Richtung, die Wellen blieben angenehm niedrig und die Sonne schien. Ideale Voraussetzungen.
Dienstag, 6. Mai 1732
Gerade bei Sonnenaufgang segelten wir an Santiago de Compostella vorbei. Zwar war die Stadt zu weit landeinwärts, um die berühmte Kathedrale sehen zu können, doch plötzlich rief einer der Seemänner, er könne Kirchenleuten hören. Es dauerte nicht lange und schon pflichteten ihm einige andere zu, später auch ich selbst.
Die Offiziere hatten sich inzwischen recht gut auf den Captain eingestellt. Gab er einen Befehl, überlegten sie stets einen Moment lang, ob der Befehl auch Sinn machte. Tat er das, wurde er schnellstmöglich umgesetzt, wie es sich für ein militärisches Schiff gehört. Wenn nicht, hatten sie anfangs noch Blicke ausgetauscht, wer auf den Fehler aufmerksam machen sollte. Inzwischen macht das aber hauptsächlich Master Barley, den viele an Bord bereits als den eigentlichen Captain betrachteten. Meistens ging Worthington nur widerwillig und zähneknirschend auf die Ratschläge des Masters ein. Heute jedoch brüllte er ihn vor versammelter Mannschaft an, stürmte vom Achterdeck und knallte seine Kajütentür hinter sich zu. Etwa eine Stunde lang hörte man ihn hitzig mit Lord Mortimer streiten. Ich frage mich, allmählich, warum man so jemandem überhaupt auch nur das Kommando über ein Kanu geben sollte. Von einem Kriegsschiff ganz zu schweigen. Beim Gedanken an die Überquerung des Atlantiks ist mir so schon nicht ganz wohl und dann noch mit diesem Captain?
Montag, 12. Mai 1732
Nach einem zweitägigen Zwischenstopp in Lissabon ließen wir die iberische Halbinsel hinter uns und segeln seither die afrikanische Küste entlang auf die Kanaren zu. Der Moral der Mannschaft hat der Aufenthalt merklich gutgetan. Ein Seemann, den alle immer nur Mark nennen, hatte sogar begonnen, ein Lied über spanische Ladies zu dichten, selbst als wir ihm erklärt hatten, dass Lissabon eigentlich eine portugiesische Stadt ist.
Auch der Captain wird inzwischen zuversichtlicher – ob das gut oder schlecht ist, wird sich noch zeigen. Manchmal berät er sich erst mit dem Master, manchmal trifft er eigensinnige Entscheidungen. Und ab und zu sogar die richtigen. So auch heute Nachmittag. Wir hatten gerade die marokkanische Stadt Safi hinter uns gelassen, als der Ausguck am Strand die brennenden Überreste eines Schoners entdeckte. Wir brauchten gar nicht erst die Beiboote zu Wasser lassen und an Land zu fahren, um zu erahnen, was passiert war. Rings um das Wrack lagen etliche verstümmelte Leichen. Alles deutete darauf hin, dass hier Piraten am Werk gewesen waren. Obwohl die Piraterie überall so gut es geht bekämpft wird, schossen mir Geschichten durch den Kopf, Schauermärchen über Captain Blackbeard oder Bartholomew Roberts, der erst vor zehn Jahren etwas weiter südlich von einem Schiff der britischen Marine aufgehalten worden war. Ein Ruf des Ausgucks riss mich aus meinen Gedanken: „Segel am Horizont! Südwest zu Süd!“ Erst jetzt fiel mir auf, wie still es an Bord geworden war. Alle Blicke wandten sich den Offizieren zu. Zum Glück standen Captain und Segelmeister dicht zusammen. So war es nicht ganz so offensichtlich, von wem die Besatzung ihre Befehle wirklich erwartete.
Nach einer unerträglich langen Stille befahl der Captain endlich, den Kurs nach Gran Canaria zu halten. Falls wir das gesichtete Schiff einholen und es sich als ein Piratenschiff herausstellen sollte, würden wir es stellen. Falls nicht, würde Worthington wohl in Las Palmas Meldung erstatten. Wir würden unsere Fahrt über den Atlantik fortsetzen und jemand anderer würde sich den Übeltätern annehmen. Barley nickte die ganze Zeit und ich glaube, einen Hauch von Überraschung über die vernünftige Haltung des Captains erkannt zu haben. Lord Mortimer hingegen protestierte und forderte wieder und wieder, dass wir die Piraten stellen sollten, bis es dem Captain endgültig reichte und er den Lord unter Deck schickte. Ich hätte nie gedacht, dass Worthington das in sich hat. Während des restlichen Tages konnte ich immer wieder Fetzen geraunter Geschichten aufschnappen. Über kannibalische Nachfahren der Barbaresken, muslimischer Piraten oder über den Geist Captain Roberts, der sich rächen will und jetzt Westafrika unsicher machen würde. Ich persönlich werde nie meinen letzten Blick durch das Fernglas auf das brennende Wrack vergessen. Am Heck konnte ich gerade noch ihren Namen erkennen: Prosperous Merlin – ein britisches Schiff.
Mittwoch, 14. Mai 1732
Wir hatten den gesichteten Segler über Nacht verloren, worüber außer dem Lord keiner sonderlich enttäuscht war. Dieser hat den Zusammenstoß mit dem Captain äußerst persönlich genommen. Zwischen den beiden entwickelt sich seither eine tiefe Abneigung, die sich nach und nach auch auf die gesamte Crew ausbreitet.
Der Captain stellt weiterhin seine Unerfahrenheit und seinen Unmut über Vorschläge zur Schau und der Lord mischt sich immer mehr in die Führung des Schiffs ein. Inzwischen hat er sogar offen durchblicken lassen, dass er für eine der karibischen Inseln für den Gouverneursposten vorgesehen sei und allerlei Befugnisse habe.
Nur gut, dass wir heute am späten Nachmittag in Las Palmas angekommen sind. Nicht nur, weil wir ein letztes Mal vor der Überfahrt Vorräte aufnehmen können, sondern auch weil jeder von uns ein bisschen Entspannung und Abstand an Land bitter nötig hat.
Samstag, 17. Mai 1732
Seit drei Tagen Flaute. Eigentlich hätten wir gestern gegen Mittag mit der Flut auslaufen, nach St. John’s auf Antigua segeln, dort Post und Gouverneur abladen und uns danach der britischen Karibikflotte anschließen sollen. Anders als die Portugiesen freuen sich die Spanier nicht gerade über unsere Anwesenheit. Zwar werden wir im Hafen geduldet, aber mehr auch nicht. Nach einer Beinahe-Schlägerei am ersten Abend hatte der Captain jegliche Landgänge abseits des Dienstes verboten. Der Mannschaft hat das am Donnerstag schon nicht gefallen, entsprechend schlecht steht es um die Moral, da wir nun seit Tagen bei Flaute im Hafen festsitzen. Nicht nur den Seemännern schmeckte die Sache überhaupt nicht, auch den Offizieren und Lord Mortimer schlagen Verzögerung und Hitze aufs Gemüt. Streitereien unter ihnen stehen inzwischen auf der Tagesordnung. Und gerät mal ein Matrose dazwischen, bekommt dieser die schlechte Laune der Streitenden gehörig zu spüren. Einem namens Hopkins hatte der Captain die Rumration für mehrere Tage streichen und ihn in eine Zelle in der Brig werfen lassen, nur um ihn eine Stunde später wieder frei zu lassen. Die Rum-Rationen blieben jedoch gestrichen. Hopkins wäre es umgekehrt wohl lieber gewesen.
Montag, 19. Mai 1732
Wind! Vergangene Nacht kam endlich Wind auf! Wir konnten unsere Reise endlich fortsetzen. Schon vergangene Nacht konnten wir hören, wie die ersten Böen durch den Hafen rauschten, die Masten knarren und die Palmen rascheln ließen. Und wie der eine oder andere Seemann an Bord erleichtert aufatmete. Der Vormittag war bestimmt von letzten Einkäufen an Vorräten, Werkzeugen und anderem, was sich auf der Überquerung des Atlantiks als nützlich erweisen konnte. Und vom Warten auf die Flut. Trotzdem war dies ein vollkommen anderes Warten als die letzten Tage.
Die Moral an Bord war gänzlich anders: Voller Vorfreude. Zwar hielten sich Captain und Lord immer noch an entgegengesetzten Enden der Good Fortune auf, doch solange sie nicht miteinander zu tun haben mussten, waren auch sie gut gelaunt.
Kurz vor Mittag stachen wir dann endlich mit einer steifen Brise aus Osten in See. Mit dem Wind beinahe von Achtern konnte selbst der Captain nicht viel falsch befehlen. Der Atlantik begrüßte uns mit strahlend blauem Himmel und die Mannschaft antwortete lauthals mit Seemannsliedern.
Donnerstag, 22. Mai 1732
Atlantischen Küsten zu folgen oder diesen Ozean überqueren zu wollen, sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. In jeder Richtung sieht man nur Wasser, Wasser und noch mehr Wasser. Ab und zu mal ein Segel, aber je weiter man hinaus fährt, umso seltener begegnet man anderen Schiffen. Gleichzeitig werden auch die Wellen höher. Kommt der Wind von vorne, kommt es zu dem berühmten Auf und Ab, zum Springen von Welle zu Welle. Kommt der Wind allerdings von schräg achtern, so wie es auf unserer Route meist der Fall ist, hebt und senkt die See das Schiff langsamer, schaukelt es aber auch noch hin und her. Unter Deck ist es dann kaum noch auszuhalten.
Umso erstaunlicher scheint es, dass Lord Mortimer nach seinem letzten Streit mit Worthington aus der Kapitänskajüte ausgezogen war, sich samt seinen vier Begleitern in die kleine Kabine unter dem Vordeck einquartiert hat und seitdem kaum noch an Deck blicken lässt. Wenn doch, ist er allerdings zumeist kreidebleich. Ich bedaure jetzt schon den armen Tropf, der diese Kammer in Antigua putzen müssen wird.
Die Ausbildung der Midshipmen und der weniger erfahrenen Seemänner hat nun endgültig Master Barley übernommen. Seit Lissabon hatte er immer wieder einzelne von uns zur Seite genommen, unser nautisches und taktisches Wissen durch gezielte Fragen abgeprüft und ergänzt. Normal wäre dies die Aufgabe des Captains, doch der hat genug mit sich selbst zu tun und hätte Lektionen durch den Segelmeister ebenso nötig gehabt wie wir. Worthington wirkt zwar nicht gerade erfreut darüber, dass Barley einfach so diese und andere Aufgaben eines Captains übernahm, tat aber auch nichts dagegen. Um ehrlich zu sein: Ich glaube, er ist darüber sogar eher erleichtert.
Dienstag, 3. Juni 1732
Vor einigen Tagen änderte sich das Wetter: Erst war es nur bewölkt, dann wurde es kälter und es kam immer wieder zu leichten Schauern. Auch der Wind wurde stärker und böiger. Ich mache mir Sorgen, dass Mast und Segel die häufigen Windstöße nicht länger aushalten. Master Barley war offenbar der gleichen Meinung, denn er riet dem Captain, die Toppsegel bergen und die Hauptsegel reffen, also teilweise bergen und so die Segelfläche verkleinern zu lassen. Doch Worthington wollte davon überhaupt nichts hören. Je eher wir Lord Mortimer auf Antigua absetzten, umso besser, meinte er. Unsere Reise habe sich bereits lange genug verzögert.
Donnerstag, 5. Juni 1732
Man kann sich sicher vorstellen, dass es bei solchem Wetter und Seegang an sich schon schlimm genug war, für kurze Zeit unter Deck zu müssen. Unter Deck zu schlafen – könnte man sich denken – sollte noch schlimmer sein. Ironischerweise ist das Gegenteil der Fall: Wenn man den ganzen Tag zu tun hat, hier ein Tau anziehen helfen, das Steuer übernehmen und so weiter … dann ist man Abends meist so müde, dass man unter Deck bis zur eigenen Hängematte torkelt (normales Gehen ist bei diesem Seegang nicht mehr möglich), hinein klettert und sofort tief und selig schlummert. Beim Aufwachen hingegen ist einem dafür oft speiübel.
Gestern ist aus Regen, Wind und Wellen ein waschechter Sturm geworden. Immer wieder prallten die Wellen gegen unseren Rumpf, spülten Meerwasser über das Deck und drohen jederzeit, Unvorsichtige von den Beinen zu reißen. Gegen Mittag passierte dann das erste Unglück: Einer der Matrosen ging über Bord. Der erste Leutnant warf ihm noch ein Seil zu, wollte ihn retten – und wurde mit ins Meer gerissen. Es dauerte keine zwei Herzschläge, ehe wir sie zwischen den Wellen verloren hatten.
Bei Sturm kann eine Schiffsbesatzung gar nicht groß genug sein. Wer nicht an Deck oder in der Takelage sein Leben riskiert, pumpt unter Deck das Wasser ab, das durch die Luken immer wieder in den Schiffsrumpf eindringt, jedes Mal, wenn eine Welle über das Schiff schwappt. Bis zuletzt hat Worthington sich geweigert, die Segel zu reffen. Die Toppsegel waren inzwischen zerfetzt und mehr Fahnen als Segel, an denen unablässig der Wind zerrte. Auch die Toppmasten knarrten bedenklich und der Wind blies derart beharrlich in Groß- und Vorsegel, dass ich zuweilen befürchtete, wir würden kentern. Immer wieder redete Barley auf den Captain ein, er solle das Kommando geben, zu reffen, doch der war seit dem Verlust seines Leutnants nicht mehr anzusprechen. Da schritt Lord Mortimer ein, verkündete, durch Befugnis seiner Majestät und so weiter das Kommando über das Schiff zu übernehmen. Er ließ den Offizieren gar keine Zeit zu widersprechen, schon befahl er seinen Männern und einigen Matrosen, die Masten hoch zu klettern und zu tun, was nötig war. Anscheinend sind sie nicht nur ehemalige Soldaten, sondern auch noch ehemalige Marinesoldaten und im Umgang mit Schiffen geübt. Doch für den Haupt-Toppmasten kam jede Rettung zu spät: Durch den Sturm konnte man ihn nicht bersten hören, aber ich werde nie den Anblick vergessen, als das Segel einer gewaltigen grauen Fledermaus gleich samt Mast auf uns zustürzte und den Schiffsrumpf nur um Haaresbreite verfehlte. Gemeinsam mit vier guten Matrosen und zwei der Soldaten des Lords verschwand unser Toppsegel im Atlantik.
Auch heute tobte der Sturm noch, aber da wir nur noch so wenige Segel wie nötig gesetzt hatten, hielten sich die weiteren Schäden in Grenzen. Zwar gefiel es keinem an Bord, dass der Lord das Kommando übernommen hatte, aber immerhin bellte er die richtigen Befehle – nachdem Master Barley sie ihm eingeflüstert hatte. Den immer noch katatonischen Captain hatte er inzwischen in die Brig werfen lassen.
Erst gegen Abend ließen Wind und Wellen nach. Der Regen hielt jedoch an.
Sonntag, 8. Juni 1732
Es dauerte noch einen ganzen Tag, ehe sich der Sturm vollkommen gelegt hatte. Seither waren wir damit beschäftigt, Masten und Segel so gut wie möglich zu reparieren. Dennoch war ein Toppsegel samt zugehörigem Masten verloren und das andere so zerrissen, dass man es wohl eine lange Zeit nicht mehr verwenden konnte, falls überhaupt.
Lord Mortimer behielt das Kommando über die Good Fortune und ob man es glaubt oder nicht: Ich wünschte, wir hätten Captain Worthington zurück. Der Lord hat noch weniger Ahnung oder Interesse am Segelhandwerk, ahndet jedoch alles, was er in irgendeiner Form als Respektlosigkeit wertet. Dazu gehört für Nicht-Offiziere schon, dass man ihn anspricht, ohne vorher zumindest eine Verbeugung angedeutet zu haben. Die Strafen können vom Streichen von Rum- oder Essensrationen über Doppelschichten bis hin zum Auspeitschen reichen.
Wie sich das Kommando des Lords auf die Moral der Männer auswirkt, ist unübersehbar: Vor dem Sturm hatten sie sich abends gern auf dem Hauptdeck versammelt, ein paar Instrumente hervor geholt und zum gemeinsamen Rum oder Grog Seemannslieder gesungen. Die letzten Abende sangen sie keine Lieder mehr, sie saßen einfach nur zusammen. Die meiste Zeit still, nur ab und zu führten sie kurze, geraunte Unterhaltungen.
Ich weiß nicht, wie es mit Schiff und Crew nach unserer Ankunft in St. John’s weitergehen wird, aber es kann kaum schlimmer werden.
Samstag, 14. Juni 1732
Obwohl wir möglichst viele der Schäden des Sturms repariert haben, macht die Good Fortune nicht mehr annähernd so gute Fahrt wie vor dem Sturm. Vorher hatten wir bei gutem Wind und guter Trimmung gut und gern zwölf Knoten messen können. Jetzt freuen wir uns schon über acht.
Die Tage ziehen sich dahin. Wenn die Sonne scheint, freut man sich über jedes Fleckchen Schatten, das man an Deck finden kann. Ziehen Wolken auf, machen sich viele bereits Sorgen, sie könnten den nächsten Sturm bedeuten. Allein Master Barley bleibt ruhig.
Wenn jemanden an Bord unser langsames Vorankommen zermürbt, dann ist es Lord Mortimer. Er schafft es, sich über jede Kleinigkeit aufzuregen. Heute erst bestrafte er einen Seemann mit einem Stockhieb, weil der gebrachte Tee nicht heiß genug war. Oft schließt er sich in der Kapitänskajüte ein und nicht selten hört man ihn reden. Auch wenn er allein war. Was er dort tat, konnte keiner mit Gewissheit sagen. Nicht navigieren, denn davon hatte er laut Master Barley nicht den geringsten Schimmer.
Captain Worthington hat sich inzwischen wieder weitgehend erholt. Zumindest so gut man sich erholen kann, wenn man tagelang in einem Stahlkäfig unter Deck eingesperrt ist. Als ich ihm vor zwei Tagen zu Essen gebracht habe, wirkte er erstaunlich vernünftig. Er gab sich selbst und niemandem sonst die Schuld an den Verlusten und Schäden während des Sturms und gab zu, dass er mehr auf die Ratschläge Master Barleys hätte hören sollen. Er beteuerte sogar, er würde gerne richtig lernen, ein Schiff zu führen. Als Midshipman und dann das Leutnantsexamen ablegen, wie ein normaler Soldat der Royal Navy. Den Posten eines Captains einfach durch Beziehungen des Vaters zu bekommen, gestand er, sei fast ein ebenso schlimmer Fehler gewesen, wie die Besetzung Lord Mortimers als Gouverneur einer ganzen Insel. Ich konnte ihm nur zustimmen.
Mittwoch, 18. Juni 1732
„Es reicht.“ Mit diesen Worten begann Master Barley das geheime Treffen mit dem zweiten Leutnant, Midshipman Stevens und mir. Es dauerte nicht lang und hatte nur ein Thema: Den inzwischen vollkommen wahnsinnigen Lord Mortimer als Schiffsführer abzusetzen. Wir würden Worthington wieder als offiziellen Captain einsetzen, damit dieser bei nächster Gelegenheit offiziellen Vertretern der Krone berichten kann, wie es so weit gekommen war. Denn obwohl er als Marineoffizier schrecklich unerfahren und ungeeignet ist, kommt er aus gutem Hause und kann sich bei Gouverneuren oder dem Vizeadmiral der Karibikflotte am ehesten Gehör verschaffen. Das wahre Kommando würde jedoch Barley übernehmen. Der Leutnant war zwar ranghöher, gestand dem Segelmeister aber zu, dass dieser weit mehr Erfahrung hätte.
Der Plan war recht einfach: Nach einer Meldung des Ausgucks über Segel am Horizont hielten Barley und der Leutnant Lord Mortimer eine Weile an Deck beschäftigt, während Stevens und ich in die Kapitänskajüte einbrachen. Dort suchten wir vor allem zwei Dinge: Mortimers Dokumente und den Schlüssel zum Käfig des Captains. Vor allem die Dokumente waren gut versteckt: Zwischen etlichen Hemden und Mänteln in einer der Truhen des Lords. Wir hatten mit der Suche so lange gebraucht, dass Mortimer uns fast erwischt hätte. Wir konnten gerade noch durch eines der Heckfenster entkommen. Danach mussten wir allerdings die Bordwand entlang bis zur Reling des Hauptdecks klettern. Die Seemänner staunten nicht schlecht, als wir scheinbar aus dem Nirgendwo auftauchten, begannen dann aber zu grinsen und verzichteten darauf, uns zu melden.
Beim Durchgehen der Dokumente wurde uns klar, dass Mortimer uns alle ordentlich an der Nase herumgeführt hatte. Er hatte erst das Recht, das Kommando über Schiffe zu ergreifen, wenn er seinen Gouverneursposten einmal angetreten ist und selbst dann nur zur Verteidigung Antiguas. Was er auf der Good Fortune aufführt, geht weit über seine Befugnisse hinaus.
Donnerstag, 19. Juni 1732
Über Nacht bewaffneten sich Barley und ein paar der Seemänner. Einem der Privatsöldner Mortimers lauerten sie auf, als dieser sich an der Reling erleichtern wollte. Ein gezielter Hieb und er ging zu Boden.
Der letzte verbleibende Söldner hielt vor der Tür zur Kapitänskajüte Wache, was bedeutete, dass der Captain nur durch unsere eigenen Matrosen bewacht wurde. Barley schickte mich, um ihn zu befreien, ehe sie ihren Angriff auf Mortimer starteten.
Als wir wieder an Deck kamen, war bereits alles vorbei. Der Lord und seine Söldner knieten entwaffnet und gefesselt auf dem Boden des Hauptdecks.
Bei Morgengrauen war die Terrorherrschaft Lord Mortimer Bonners über die HMS Good Fortune beendet.
Samstag, 21. Juni 1732
Die letzten Tage unserer Reise verliefen ohne weitere Zwischenfälle. Der Captain bat Master Barley sogar, ihm erste Lektionen über das richtige Führen eines Schiffs zu geben. Heute Morgen sichtete der Ausguck endlich Antigua, gegen Mittag liefen wir in den Hafen ein, wo wir Mortimer dem amtierenden Gouverneur übergaben. Ihm soll der Prozess gemacht werden.
Captain Worthington gab einen ausführlichen und ehrlichen Bericht über die Ereignisse und seine eigene Fehlbesetzung ab und äußerte zwei Bitten: Er selbst sollte in den Rang eines Midshipman degradiert werden, um ein ehrlicher, richtiger Offizier der Royal Navy werden zu können. Und Master Barley sollte zum neuen Captain der Good Fortune ernannt werden. Beiden Bitten wurde stattgegeben.

Kennst du das: Du liest ein gutes Buch oder siehst einen guten Film und fühlst dich danach nicht nur unterhalten, sondern auch auf andere Weise bereichert. Vielleicht siehst du die Welt plötzlich mit anderen Augen, oder fühlst dich voller Tatendrang. Vielleicht weißt du nun besser mit einem Problem umzugehen, oder besser mit deinen Mitmenschen, ihrem Lob und ihrer Kritik klarzukommen.
Das Tagebuch des Anthony Borgins entstand genau aus dieser Idee heraus. Fehler und Erkenntnisse sollten aus einem realen Firmenprojekt destilliert und in eine unterhaltsame, spannende Geschichte verpackt werden – um im Idealfall künftige Projektleiter zu inspirieren.

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