RdS – Kapitel I: Athyrrim

Kerzengerade und mit rasendem Atem saß Athyrrim auf der Schlafmatte in seinem kleinen Zimmer. Es war Nacht; nur das schwache Licht von Mond und Sternen leuchtete herein. Nachdem er lange an die gegenüber liegende Wand gestarrt hatte und in Gedanken das Geträumte durchgegangen war, stand er letztendlich auf und zündete mit einem Streichholz eine Kerze an. Dann erst warf er einen genaueren Blick auf seine Hände – und seufzte. Es waren nicht die, die er im Traum gehabt hatte. Die in seinem Traum waren die eines Kindes gewesen; klein, unschuldig. Diese hier waren weit größer und vernarbt. Er nahm sein Schwert, welches er in einem Gestell am Kopfende seiner Schlafstelle aufbewahrte und suchte sein Spiegelbild im Stahl. Wie befürchtet blickte ihm kein kleiner Junge entgegen, sondern ein junger Mann mit braunen Augen und einem Blick, vor dem er sich als kleines Kind gefürchtet hätte. Es waren die Augen eines Raubtieres. Jeder der zu tief in sie hineinsah, würde nie wieder etwas anderes sehen. Einige Strähnen seiner dunkelbraunen langen Haare hingen ihm ins blasse Gesicht, doch er ignorierte sie wie gewohnt.
Er atmete noch einmal tief durch. Schlafen kam nach so einem Traum auf keinen Fall mehr in Frage. Das Risiko, weiterhin Unangenehmes zu träumen, war zu groß. Also ging er zu dem Regal an der Wand, in dem seine schwarze Lederrüstung verstaut lag und zog sie gedankenverloren an. Athyrrim konnte es nicht ausstehen, von seiner Zeit vor den Schatten zu träumen. Das war er nicht. Nicht mehr. Und er würde es auch nie wieder sein. Seitdem war zu viel geschehen.
Das gesamte Kloster schlief noch, als Athyrrim die Gänge entlang nach draußen zum Übungsplatz schlich. Unterwegs kam er ab und zu an kleinen Fenstern vorbei, kaum mehr als Schießscharten, durch die man ins Tal hinab sehen konnte. Morond – oder das Kloster, wie die meisten Schüler es nannten – war ein gigantischer Komplex, den die Schatten auf dem Gipfel eines der niedrigeren Eswynn-Berge weit im Norden Ellyberims errichtet hatten. Es diente ihnen als Festung, Stützpunkt und Ausbildungsstätte. Hierher brachte man sie als kleine Kinder. Hier wurden sie zu Attentätern, Spionen und anderem erzogen. Von hier aus gingen sie in die Welt zurück, um im Namen des Ordens Aufträge zu erfüllen, Informationen zu sammeln, zu spionieren, zu intrigieren, zu morden und zu meucheln. Hierher kamen sie zurück, wenn sie in Gefahr oder verwundet waren, wenn sie alt oder zum Lehren berufen wurden. Drei Jahrhunderte zuvor hatte Garveg Rothan die streitenden Fürstentümer und Kleinstaaten in einem blutigen Eroberungsfeldzug geeint. Zu seinem Schutz hatte er den Orden der Schatten gegründet. Ursprünglich nur ein kleiner Orden aus Rittern, die seine Leibgarde stellten, wuchs er rasch. Man eignete sich Kampftechniken aus fernen Ländern an, bildete Spione und Attentäter aus und eignete sich geschickt Ländereien an. So auch das Eswynn-Gebirge. Die wenigen Dörfer an den Hängen und in den Tälern dieser Berge und ihre Bewohner gehörten den Schatten. Sie waren Leibeigene. Das Gebirge zu verlassen, war ihnen unter Todesstrafe verboten – nur zum Handeln durften sie in die kleine Seestadt Ithrul im Süden. Auch aus dem Rest Ellyberims wagte sich niemand in dieses Gebirge. Man hielt es inzwischen für unfruchtbar und wertlos. Seit Jahrhunderten waren Ordensangehörige die Einzigen, die lebend kamen und gingen. Adel und Untertanen des Reichs hatten andere Interessen und Sorgen. Die Schatten waren in Vergessenheit geraten und wurden zu einem Mythos, zu Dämonen. Athyrrim wusste nicht, wem ihre Loyalität nun galt, oder ob sie überhaupt jemand anderem galt außer dem Orden selbst. Es war ihm auch egal. Nach Ende seiner Ausbildung würde er in die Welt ziehen und auf Befehl allen den Tod bringen, die dem Orden ein Dorn im Auge waren. Ob der Orden nun von jemand anderem damit beauftragt wurde oder aus eigenem Interesse agierte, machte für ihn keinen Unterschied. Selbst wenn, würde man es ihm nicht sagen. Sie befahlen, er gehorchte. Diese Lektion hatte er bereits vor vielen Jahren gelernt.
Kalte Windböen peitschten ihm ins Gesicht, als er ins Freie auf den Übungsplatz trat, welcher am Rand der Anlage dem Tal zugewandt lag. Der Platz war von einem überdachten Säulengang umgeben, welcher bei Regen, Schnee und Hagel Schutz vor dem rauen Wetter der Berge bot. Athyrrim beschloss, einige Meter zu laufen, um sich an die Kälte zu gewöhnen und sich etwas aufzuwärmen. Unter seinen Füßen knirschte bei jedem Schritt Schnee. Dann erst, als die Temperatur ihm nichts mehr ausmachte, griff er nach dem Heft seines Langschwerts. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog er blank und enthauptete eine der Strohpuppen, die überall auf dem Übungsplatz standen. Der Griff war lang genug, um das Schwert mit beiden Händen zu führen. Wo viele andere einfach auf Masse, Trägheit und Wucht setzten, verließ Athyrrim sich auf hohe Schmiedekunst, Schärfe, Schnelligkeit und Präzision. Nachdem sein Blick kurz auf dem kopflosen Strohmann verharrte, ging er dazu über, eine lange Reihe von raschen Schnitt- und Hiebtechniken zu vollführen. Der lange Griff ermöglichte hohe Kontrolle und Hebelwirkung, um auch Kraft in die Techniken einfließen lassen zu können. Seine Bewegungen waren fließend und ebenso graziös wie tödlich. Er kämpfte gegen Gegner aus Luft, als würden sie aus allen Richtungen kommen.
Als er seine Übung beendete, war die Welt um ihn herum bereits in das sanfte Licht des Sonnenaufgangs getaucht und gewann an Wärme und Farbe. Sein Atem ging schnell, der Schweiß lief ihm am Gesicht hinunter und dampfte sogar, doch er fühle sich nicht erschöpft. Er war Schlimmeres und Anstrengenderes gewohnt. Athyrrim ging zum Säulengang mit den dem östlichen Tal zugewandten Fenstern und blickte in die Ferne. Endlich erschienen die ersten Umrisse der aufgehenden Sonne hinter den hohen Nachbarbergen. Die Schattenfestung Morond war auf einem Berg errichtet worden, der um vieles niedriger war, als alle Berge der Umgebung. Rundum ragte ein Wald auf, der die Anlage vor neugierigen Blicken aus den Tälern schützte. Wer nicht wusste, dass dort eine Burg des geheimen Ordens stand, hätte sie vermutlich nicht zwischen den Bäumen ausmachen können. Die gesamte Festung war stufenförmig gebaut und mit vielen Höfen und Dachterrassen versehen, wo ebenfalls Bäume angepflanzt wurden, die das Gebäude aus der Ferne betrachtet im Wald verschwinden ließen. Andererseits war der Wald so angelegt, dass man von der Festung aus die gesamte Umgebung beobachten konnte.
Im gleichen Moment, als die Sonne aufging, ertönte von einem höheren Stockwerk ein Gong, der alle im Kloster wecken sollte. In einer Stunde würde das Frühstück beginnen und Athyrrim sollte noch in sein Quartier gehen und sich waschen. Teils, um einen ordentlichen Eindruck zu machen, teils um zu verbergen, dass er nachts trainiert hatte. Trotzdem wollte er noch eine Übung absolvieren. Zögerlich tastete er nach dem Amulett, das er um den Hals trug. Es war recht schlicht – ein schwarzer münzförmiger Stein mit einem Loch in der Mitte, der an einer Lederschnur befestigt war. Doch so unscheinbar es auch wirkte, so war es doch der Schlüssel zu jener Magie. Nicht viele konnten überhaupt Magie bewirken und noch viel weniger verfügten über ausreichend Talent zur wahren Meisterschaft. Nicht so Athyrrim.
Er schloss die Augen und bemühte sich, seinen Atem zu beruhigen. Mit genug Übung würde er diese Technik irgendwann gut genug beherrschen, um sie mitten im Kampf einzusetzen, aber noch musste er all seine Kräfte und Konzentration dafür aufwenden. Ansonsten war Magie alles andere als seine Stärke, doch mit diesem kleinen Amulett war es ihm dennoch möglich, diese eine Form der Magie anzuwenden. Nach und nach verbannte er sämtliche Gedanken aus seinem Kopf, konzentrierte sich auf seine unmittelbare Umgebung, sah den Übungsplatz in seiner Erinnerung. Doch da stand noch jemand. Erst nur schemenhaft, dann langsam wurde sie deutlicher: Eine Frau in einem schlichten Leinenkleid. Das sanft gewellte hellbraune Haar fiel ihr auf die Schultern. Allmählich wurden auch die lieblichen Züge des Gesichtes deutlicher und dann bemerkte Athyrrim auch die gräulich blauen Augen, bei denen er nie wusste, ob sie Trauer oder Freude ausdrückten.
„Cysanda!“, entfuhr es ihm. Dann, als er die Erscheinung nicht mehr ertragen konnte, riss er die Augen auf. Vor ihm stand nicht etwa eine Frau, sondern ein anderer Schüler des Klosters mit gezücktem Dolch. Einen Sekundenbruchteil später stach dieser zu.


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