Reich der Schatten – Prolog

Athyrrim rannte lachend seinen Freunden hinterher durch das Dorf. Sie spielten Fangen, doch nicht nur die Kinder, sondern auch Hühner schienen in dieses wilde Durcheinander verwickelt zu sein. Es war ein lustiges, wenn auch chaotisches Treiben, bei dem kein Außenstehender mehr den Überblick behalten konnte – und wenn man ehrlich ist, kannte sich auch unter den Beteiligten keiner mehr aus. Plötzlich wurde der Junge angerempelt, er stolperte seitwärts. Irgendetwas klirrte. Nichts rührte sich mehr. Betretene Stille trat ein, bis die Besitzerin ihren neuen Scherbenhaufen entdeckte. Sie tobte und schrie den Kindern die wildesten Beleidigungen und Flüche entgegen, worauf hin Athyrrim und die anderen sofort die Flucht ergriffen.
Gareth und Athyrrim flüchteten zwischen den Zweigen und Blättern des Waldrandes hindurch, der keine zehn Meter vom Dorf entfernt lag. Dort hatten die beiden unter den Ästen zweier nahe aneinander stehender junger Tannen ihr geheimes Lager. Im Grunde waren es ein paar in den Boden gesteckte Äste und eine Anhäufung jeden erdenklichen Plunders, doch für die beiden war es ein Lager.
„Was hat Sysae gemeint, als sie gesagt hat, die Schatten sollen mich holen?“, fragte Athyrrim seinen Freund. Gareth war mit sechs Jahren ein volles Jahr älter als er selbst und damit natürlich viel klüger – dachte Athyrrim jedenfalls.
„Damit meint sie keine gewöhnlichen Schatten sondern böse Geister. Mein Vater hat gesagt, sie bestehen aus purer Dunkelheit und entführen kleine Kinder.“
„U-und was machen sie dann mit ihnen?“
„Angeblich neue Schatten.“
Athyrrim schluckte.
„Sag mal, du hast doch keine Angst vor solchem Unsinn, oder, Athy?“
„I-ich? Nein! Und du?“
Natürlich hatte er Angst, aber das hätte er nie offen zugegeben. Zu allem Überfluss musste er nun auch noch feststellen, dass die Sonne bald untergehen würde. Gareth hatte es wohl auch bemerkt, denn er kroch rasch aus ihrem Versteck hervor und sagte:
„Wenn ich zu spät heim komme, gibt’s Prügel. Mach‘s gut, Athy!“
Mit einem Grinsen fügte er noch hinzu: „Und lass dich nicht von den Schatten erwischen!“
Kurz darauf war er verschwunden und Athyrrim blieb allein zurück. Ganz allein. Nur er, die Äste, das schwindende Licht… und ein Rascheln hinter ihm!
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Trotzdem wagte er nicht, sich umzudrehen und nachzusehen. Ein weiterer knackender Ast genügte, damit er wie von der Tarantel gestochen aufsprang und panisch ins Dorf zurück rannte.
Als er zuhause ankam, war die Sonne bereits untergangen und man konnte die ersten Sterne am Himmel sehen. Beides war Athyrrim herzlich egal, als er ins Haus rannte, die Tür hinter sich zuschlug und sich in dem einen Raum umsah, der schon das ganze Haus ausmachte. Obwohl auf der Feuerstelle in der Mitte der Hütte ein stattliches Feuer prasselte, war er auch hier vollkommen allein.
„Hallo?“, rief er verzagt, doch niemand antwortete ihm. Keine Mutter, kein Vater und auch keine kleine Schwester. Wieder war er alleine – diesmal mit dem knisternden Feuer und den dunklen Ecken des Hauses.
„Jetzt reiß dich zusammen, Athy! Du bist immerhin fünf Jahre alt und kein Baby mehr!“, sprach er zu sich selbst und fühlte sich selbst wieder ein wenig mutiger.
Plötzlich fiel die Haustür ins Schloss.  Athyrrim zuckte zusammen. Er hatte die Tür doch zugemacht – oder nicht? Sämtlicher Mut, den er sich eben noch zugeredet hatte, war verschwunden. Zaghaft wandte er sich zur Tür um. Sein Blick wanderte zu allen Seiten, doch er konnte niemanden sehen. Dann sah er plötzlich im Augenwinkel eine Bewegung, blickte aufmerksam in diese Richtung, konnte aber wieder nichts Ungewöhnliches erkennen. Erleichtert atmete er aus. Offenbar war er in Sicherheit, aber er wollte trotzdem für den Fall der Fälle nicht ungeschützt bleiben. Immer wieder um sich blickend ging er zu der Ecke, in der das Feuerholz aufbewahrt wurde und durchwühlte es nach einem für ihn geeigneten Stock. Als er endlich einen gefunden hatte, entfernte er einige noch abstehende Zweige und sah ihn prüfend an. Ideal, um gegen Schatten zu kämpfen, dachte er.
Mit einer neuen Waffe in der Hand wandte er sich von dem Feuerholz ab – und hielt abrupt inne. Vor ihm stand eine große Gestalt in einem langen schwarzen Mantel mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Ein Schatten!
Sofort schlug Athyrrim mit dem Stock nach dem Schatten, doch dieser schnappte ihn sich lässig aus der Luft, riss ihn dem Jungen aus den Händen und warf ihn ins Feuer. Athyrrim versuchte zu schreien, doch eine in schwarzes Leder gehüllte Hand wurde ihm auf den Mund gedrückt. Dunkelheit begann, ihn einzuhüllen.


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