RdS – Kapitel IV: Aureon

Es war kalt, es war nass und wäre es nach Aureon gegangen, er hätte sich in sein Gemach verzogen, nur mit ein paar Scheiben Brot, etwas Käse, einem Zuber voller dampfend heißem Wasser und seinen Büchern als Gesellschaft. Wäre es nach ihm gegangen, hätten sein Vater und sein Bruder ihr Festessen ohne ihn abhalten können. Aureon bezweifelte sogar, dass irgendeiner der Gäste ihn wirklich vermisst hätte. Aber es ging nun einmal nicht nach ihm und so brachte er schlecht gelaunt erst sein Pferd in die Ställe und dann den Fasan in die Küche, damit er ihn später seinem Vater vorsetzen konnte.
Dann ging er trotz des Regens quer über den großen Hof zu dem Turm, in dem seine Geschwister und er ihre Gemächer hatten. Als er sein Zimmer betrat, entfuhr ihm ein Seufzer. Behaglicher hätte er es sich wirklich nicht wünschen können: Im Kamin erwartete ihn ein prasselndes Feuer, einige Kerzen brannten und auf seinem Bett lag das übliche Durcheinander aus Büchern, losen Seiten und Zetteln.
So sehr er es sich auch anders wünschte, er konnte nur so lange bleiben, wie es eben dauerte, sich abzutrocknen und saubere trockene Kleidung anzuziehen.
Selten wurde Burg Sturmauge von solcher Betriebsamkeit beherrscht wie an Festtagen.
Viele Adelige – manche davon Verbündete, andere Vasallen von Thedas Windläufer – hatte man in der Festung untergebracht und nicht wenige hatten eigene Diener mitgebracht. Weniger wichtige Gäste kamen in den Herbergen Tistrons unter und bescherten deren Besitzern mehr Einkommen als im gesamten restlichen Jahr.
So viel Wirbel, nur weil Eldred heute vor fünfundzwanzig Jahren geboren wurde. Zu seinen Geburtstagen kam immer der halbe Adel von West-Ellyberim, zu denen von Elyna kamen alle möglichen Ritter, die dann Lobeshymnen auf ihre Schönheit und alles Mögliche sangen. Immer wieder gab es Streit unter ihnen und manchmal auch Duelle. Allein Aureons Geburtstage blieben ruhig – was ihm eigentlich ganz recht war.
Er konnte es nicht leiden, wenn Sturmauge so sehr mit Gästen vollgestopft war. Er konnte es nicht leiden, wenn sie ihn bei seinen unheilvollen Übungen an der Waffe beobachteten. Und er hasste es, wenn sie bei jedem kleinen Ungeschick über ihn lachten. Noch dazu aßen und tranken sie bis tief in die Nacht hinein und je mehr sie tranken, umso lauter wurden sie. Wie soll man bei diesem Krach lesen? Ach ja, gar nicht.
Aureon atmete noch einmal tief durch, ehe er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunter zum Hof nahm. Inzwischen nieselte es nur noch, aber er ging diesmal trotzdem den überdachten Weg um den Hof herum. Jeder Schritt, den er länger brauchte, um in die große Halle Sturmauges zu kommen, war ihm nur recht. Ein Blick zum Burgtor erinnerte ihn an die Schwierigkeiten, die er mit dem Torwächter Arth hatte. „Verzeiht, m’Lord. Ihr wisst ja, sicher ist sicher.“, hatte Arth sich schließlich entschuldigt, nachdem er Aureon trotz strömenden Regens die Kapuze abnehmen lies. Der Wächter hatte Glück gehabt, dass er es nicht mit Aureons Bruder oder gar mit seinem Vater zu tun gehabt hatte, denn sie hätten diese Entschuldigung nicht einfach so hingenommen.
Musik riss ihn aus seinen Gedanken, als ihn nur noch wenige Schritte vom Tor zur großen Halle trennten. Keine schnelle, fröhliche Musik wie in den Tavernen der Stadt, sondern langsame, formell klingende Musik. „Wichtige Musik für wichtige Leute.“, hatte er einmal darüber gespottet und sich eine schallende Ohrfeige eingefangen. Noch heute wurde Aureon unangenehm warm in den Wangen, wenn er Die sieben Ritter aus verstecktem Tale oder Das Flammenschwert und der König hörte.
Ich könnte einfach umdrehen und einen Diener mit der Nachricht schicken, dass es mir nicht gut geht, dachte er, als er die schwere Eichentür anstarrte, schüttelte dann aber seinen Kopf. Das würde nur mehr Ärger als Nutzen bringen. Er atmete erneut tief durch, öffnete die Tür und trat ein. Anders als in seinem Zimmer war es hier nicht gemütlich warm, sondern drückend heiß – so kam es zumindest Aureon vor. Auf einem Balkon über der rechten Seitenwand der Halle hatte eine Gruppe von Barden ihre Stellung bezogen und auf den Tischen sah er etliche Weingläser und Bierkrüge. Die Gäste aber waren ungewöhnlich steif und ernst; die wenigsten sprachen überhaupt. Irgendwas stimmt hier nicht.
Dann bemerkte er es: An Gästen mangelte es nicht – aber an Gastgebern. Die Ehrentafel auf ihrem Podest am Ende der Halle war leer. Irgendwas stimmt hier überhaupt nicht.
Schnellen Schrittes umrundete er den leeren Tisch und steuerte auf die Tür dahinter zu. „Wollt Ihr da wirklich rein, m’Lord?“, fragte ihn der vorsichtige Oss, einer der beiden Soldaten, die an der Tür Wache hielten.
Ich will nicht, aber ich muss, wollte Aureon am liebsten antworten, beließ es aber bei einem knappen, grimmigen Nicken. Er legte die Hand auf die Türklinke, wäre beinahe eingetreten, hielt dann aber inne.
„Weißt du, was hier los ist, Oss?“
„Näh. Der junge Durrance is‘ vorher rein gekommen, voller Blut. Is‘ direkt zum Lord. Und dann sind’s nach hinten.“
„Voller Blut, sagst du?“
„M-hm. Konnt‘ nicht mal seinen Greif auf der Brust richtig sehn, so voll war er.“
„Und warum war er voll mit Blut?“
„Weiß nicht.“
„Ihr konntet nichts aufschnappen?“
„Näh. Und hab nicht gefragt.“ Oss verzog bei seinem Lieblingssatz die Lippen zu etwas, das man nur mit viel Fantasie als Grinsen erkennen konnte. Wenn man Oss befahl zu springen, fragte er gar nicht erst nach der gewünschten Höhe. Er sprang einfach.
„Das war wohl besser so. Ich muss leider fragen.“, antwortete Aureon und trat ein.


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