RdS – Kapitel VIII: Garve

Seine Lunge brannte, seine Beine und sein Rücken schmerzten und sein Seitenstechen hätte nicht schlimmer sein können. Mit jedem weiteren Schritt protestierte sein ganzer Körper, schrie nach Ruhe, nach Schlaf. Aber es trieb ihn weiter, fort von Lichtung und Dämon. Drei Tage war Garve schon auf der Flucht – oder waren es vier? Sie verschmolzen immer mehr zu einem einzigen. Und die Nächte … an die dachte er am liebsten gar nicht erst. Er marschierte ohne lange Pausen. Wenn er doch einmal einschlief, wurde er im Traum von der Kapuzengestalt gejagt, mit … was auch immer es für eine Waffe war. In seinem letzten Traum war daraus ein Schwert aus schwarzen züngelnden Flammen geworden, mit dem seine Freunde abgeschlachtet worden waren. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er warf einen nervösen Blick über die Schulter. Das Gebirge hatte er inzwischen längst hinter sich gelassen und folgte nun dem Fluss Riam nach Süden. Trotzdem fühlte er sich immer noch beobachtet.
Die Sonne ging allmählich über den Baumwipfeln im Osten auf und tauchte die Schotterstraße in orangefarbenes Licht. Zum Rauschen der Riam und dem Gezwitscher der Vögel gesellte sich nun auch das Summen von Bienen und Hummeln. Jeder andere hätte wohl einen Moment innegehalten und den Anblick mit allen Sinnen genossen, aber nicht Garve. Er wollte nur nach Ithrul, nach Hause. Dort hatte er Freunde, dort gab es zu essen, dort … war er dort sicher? Würde er überhaupt je wieder sicher sein? Der alte Bandit schüttelte den Kopf. Jetzt zählte nur, dass er in seine Heimatstadt zurückkehrte. Also ging er weiter. Die Sonne stieg höher und ihre Strahlen wärmten das Land immer weiter auf. Erst jetzt bemerkte Garve, wie kalt ihm die Nacht hindurch gewesen war. Immer wieder ballte er nun die Fäuste und öffnete sie, um wieder mehr Wärme in seine Finger zu treiben. Mit dem Licht und der Wärme stieg nun auch seine Hoffnung, all die Schrecken der letzten Tage hinter sich zu lassen. So sehr, dass er seine Schritte sogar ein wenig beschleunigte; und das, obwohl ihm immer noch alles wehtat. Weiter folgte er der Schotterstraße entlang der Riam, sagte sich stets aufs Neue: Bis zur nächsten Biegung. Ich muss nur bis zur nächsten Biegung durchhalten.
Zu Mittag konnte er endlich in der Ferne durch das Dickicht der Bäume hindurch die blau glitzernde Oberfläche des Sees sehen, an dessen südwestlichem Ufer Ithrul lag. Den See hatte man Riam genannt – genau wie den Fluss, der in ihn mündet –, was Garve schon immer ein wenig fantasielos gefunden hatte. Als er ein Kind gewesen war, war er immer wieder mit seinen Freunden auf den Bootsstegen ihrer Väter gesessen und hatte mit ihnen überlegt, wie man Fluss oder See umbenennen hätte können. Begeistern konnten sie von ihren Ideen jedoch niemanden.
Garve wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als er an die nächste Biegung kam und vor sich im Fluss einen ausgewachsenen Braunbären stehen sah – noch schlimmer: Der Bär sah zu ihm hoch. Ein blutiges Stück Fisch hing ihm noch halb aus dem Maul. Keiner von beiden rührte sich, doch jeder behielt den anderen genau im Auge. Wenn ich ihm nichts tue, tut er mir auch nichts, sagte der alte Bandit sich immer und immer wieder. So recht glauben konnte er es aber nicht. Als er merkte, wie sehr ihm die Hände zitterten, ballte er sie zu Fäusten. Zu allem Überfluss rann ihm nun auch der Schweiß in die Augen, bis er kaum noch sehen konnte.
Möglichst langsam hob er den rechten Arm und rieb sich mit der Ärmelspitze erst sein brennendes rechtes Auge, dann sein linkes. Dem Bären reichte die Bewegung. Immer noch im Flussbett richtete er sich auf den Hinterbeinen auf, bleckte die Zähne und brüllte, dass Garve die Fischstücke entgegenspritzten.
Plötzlich zuckte jedoch das Tier zusammen – ein Fisch war ihm wohl gegen eine seiner Tatzen geschwommen, denn sein Blick wanderte kurz über die Wasseroberfläche. Garve nutzte die kurze Ablenkung und rannte so schnell er konnte die Straße entlang. Nicht einmal einen Blick über die Schulter riskierte er. Er rannte und rannte, bis zur nächsten Biegung, zur übernächsten und der danach. Dann erst wurde er langsamer, trottete ein Stück und marschierte schließlich nur noch. Bis er zu einer kleinen Holzbrücke kam, die über den Fluss führte.
Die Sonne stand inzwischen weit im Westen, und die Schatten wurden immer länger. Vollkommen außer Atem musste er sich an einem der Pfosten abstützen, die die Brücke an beiden Ufern im Boden verankerten. Jetzt erst blickte er zurück. Kein Bär, keine Kapuzengestalt. Erleichtert aber immer noch nach Luft ringend sank er an dem Pfosten zu Boden. Garve, Garve, Garve. Mehr Glück als Verstand, hörte er die Stimme seiner Mutter sagen. Sie hatte Zeit Lebens nicht gewusst, wie Recht sie damit haben würde. Erst nachdem er sich den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, bemerkte er, wie sehr er zitterte. Ob aus Angst oder weil er zu lange nichts gegessen und zu wenig getrunken hatte, konnte er nicht sagen. Wahrscheinlich beides.
Als er zu Atem gekommen war, wollte er wieder aufstehen und weiter marschieren, konnte es aber nicht. Nur noch einen Augenblick, sagte er sich in Gedanken. Doch der Augenblick wurde immer länger und es wurde zunehmend schwieriger, die Augen offen zu halten. Obwohl ein Teil von ihm dagegen protestierte, schlief er ein.
Hufgetrappel ließ ihn aufschrecken. Sein Schlaf war so tief und angenehm traumlos gewesen, dass er einen Moment brauchte, um sich neu zu orientieren. Der Himmel über ihm war wolkenlos und in Orange, Rot und sogar ein wenig Lila getaucht – es war Abend. Nur wenige Herzschläge später war der Reiter zu erkennen, der aus der gleichen Richtung wie Garve kam. Der Alte versuchte sich hoch zu rappeln, was sich jedoch als schwierig erwies – seine Beine waren noch vollkommen steif vom Schlaf und den Strapazen der letzten Tage. Der Reiter wurde langsamer, als er Garve bemerkte und kam wenige Meter vor ihm zum Stehen. Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig, dunkelbraune Haare. Harte Gesichtszüge, aber keine, die Garve je zuvor gesehen hätte – immerhin keine Kapuze.
„Götter, du siehst ja zum Fürchten aus. Was ist dir denn passiert?“ Er ließ den Blick durch den Wald schweifen. „Banditen?“
Garve rümpfte die Nase. „So ähnlich.“
Die Hand des Jünglings fuhr zu einer Axt, die an seinem Gürtel hing.
„Langsam. Ich bin alleine.“, sagte Garve in einem beschwichtigenden Ton und schaffte es endlich, sich am Brückenpfosten hochzuziehen. Insgeheim dachte er jedoch: Hoffentlich bin ich hier wirklich allein. Dann fragte er: „Du willst nach Ithrul, oder?“
Der Reiter musterte ihn, nickte dann aber. „Ist es noch weit?“
Garve schüttelte den Kopf. „Zwei Stunden mit dem Pferd. Wenn du vielleicht so nett wärst, mich mitzunehmen, drei.“
Die Idee schien dem Reiter nicht sonderlich zu gefallen, aber immerhin ritt er nicht gleich weiter. „Und warum in Aegedirs Namen sollte ich dich mitnehmen?“
Die Hoffnung auf eine Mahlzeit und ein warmes Bett keimte in Garve auf. Jetzt bloß nichts Falsches sagen. „Ich kenn‘ die Gegend. Und ich kenn‘ die Stadt. Kenn‘ da ‘nen Wirt, bei dem ich dir ein günstiges Zimmer organisieren könnte.“
Der Jüngling wirkte noch immer nicht allzu glücklich, streckte ihm aber schließlich die Hand entgegen, um ihm hinter sich auf das Pferd zu helfen. Garve atmete erleichtert auf, ergriff die Hand, hielt aber kurz inne, um das Pferd zu mustern. Es war ein Berber, dessen rotbraunes Fell ihn ein wenig an Finns Hengst erinnerte.
„Stimmt etwas nicht?“
Garve schüttelte den Kopf. Die Aussicht auf einen behaglichen Abend in einer Taverne verdrängte jegliche Erinnerung an seine Gefährten und ihr Schicksal. Es dauerte ein bisschen, bis er hinter dem Jüngling auf dem Pferd saß, doch endlich machten sie sich auf den Weg. Eine Weile ritten sie wortlos dahin, bis Garve fragte: „Was führt dich eigentlich nach Ithrul?“
„Arbeit. Oder zumindest such‘ ich da nach welcher.“
„Was für Arbeit?“
„Ich bin Söldner.“
Garve fiel die Rüstung aus gehärtetem Leder auf, die sein Vordermann trug. Ein bisschen gar leicht, dachte er. Damit überlebt man vielleicht einen Schwerthieb, aber den danach? Trotzdem wunderte er sich, dass ihm die Rüstung nicht vorher aufgefallen war. Schließlich antwortete er aber doch: „Du musst ja großes Vertrauen in deine Fähigkeiten haben.“
„Hm?“
„Deine Rüstung.“
„Ah. Nein, nur zu wenig Geld für mehr.“
Jetzt verstand Garve. Klar. Nicht viele können sich Plattenrüstungen leisten. Außer Rittern.
Der Reiter warf über die Schulter einen Blick zurück. „Und was ist dir über den Weg gelaufen, dass du so … so aussiehst?“
„Ach … nichts.“
„Na klar doch. Du rennst einfach so zum Spaß durch den Norden, mit zerrissenem Gewand …“, der Söldner sog zwei Mal laut hörbar die kühle Abendluft durch die Nase ein, ehe er fortfuhr: „und vollgepisster Hose.“
Die Hose hatte Garve fast vergessen. Er hatte seinen Sack mit Wäsche auf der Lichtung vergessen. Seit seiner Flucht war die Hose zwar wieder getrocknet, aber in der Zwischenzeit hatte sie ihm die Leisten wund gerieben. Trotzdem war es ihm angenehmer, reitend das letzte Stück nach Ithrul hinter sich zu bringen. Den Gestank der Hose hatte er bis eben gar nicht wahrgenommen, nun aber fiel er erst recht auf.
„Also?“
„Jungchen, du glaubst es mir ja doch nicht.“
„Vielleicht ja doch.“
„Na schön. Ich war mit ein paar Freunden im Norden im Gebirge – äh … auf … auf Schatzsuche.“, begann der alte Bandit. Den restlichen Weg, der inzwischen fort von der Riam und durch einen dichten Nadelwald führte, erzählte er dem Reiter von der Lichtung, von den Befürchtungen, die Garve die ganze Zeit gehabt hatte, von Cydnar und den anderen und vom Kapuzendämon mit der … er suchte lange nach dem richtigen Wort, ehe er sich für Schwarzklinge entschied. Als er von diesem Wesen erzählte, warf der Jungspund noch einmal einen Blick über die Schulter, Garve glaubte, Skepsis zu erkennen, aber inzwischen war es zu dunkel um sicher zu sein. Also fuhr er fort, berichtete vom Tod seiner Gefährten, seiner tagelangen, beschwerlichen Flucht, vom Bären und wie er letztlich an dieser Brücke dem Reiter begegnet war.
„Klingt ja übel.“
„Du glaubst mir?“
Schulterzucken. Garve war das allerdings egal, denn der Wald endete und vor ihnen war endlich das fackelerleuchtete westliche Stadttor Ithruls zu sehen. Rund um die Stadt hatte man vor langem eine Palisade erbaut, weniger für Kriegszeiten als um Raubtiere fern zu halten, die sich zuvor ab und zu in Ställe und Vorratskammern verirrt hatten und die bei Begegnungen mit dem Menschen gefährlich werden konnten. Für den alten Banditen war sie gerade das Schönste, was er je gesehen hatte. Daheim!
Die Torwache erkannte Garve und ließ ihn – trotz Verwunderung über dessen Aussehen – samt Reiter und Pferd in die Stadt. Ithrul war eine kleine Stadt am Südufer des Riamsees, die hauptsächlich aus Holzhäusern mit Strohdächern bestand. Quer über den Strand zog sich ein ausgedehntes Netz aus Holzstegen, auf denen sogar hier und da kleine Holzhütten errichtet worden waren. In manchen brachten die Fischer der Stadt nur ihre Ausrüstung unter, in anderen wohnten sie mit ihren Familien. Garve zog es zu einem Gasthaus, das an diesen Docks lag: Zur glücklichen Nixe.
Als er es vorschlug, murrte der Reiter und meinte dann: „Geh schon mal vor und klär das mit den Zimmern. Ich muss noch etwas erledigen.“
Der Alte wunderte sich zwar, saß dann aber ab. Er war schon halb die Straße hinunter, als er sich noch einmal umwandte und zwar laut, aber noch nicht schreiend fragte: „Wie heißt du eigentlich?“
„Athyrrim.“
Garve sah dem jungen Reiter noch ein wenig nach, ehe er sich zum Gehen wandte. Bevor er jedoch in das Gasthaus konnte, suchte er noch seine eigene Hütte auf, die schräg gegenüber an den Stegen lag. Mit einem Eimer, an dem ein Seil angebunden war, holte er sich frisches Wasser. In der Hütte zog er sich aus, wusch sich hastig und suchte ein paar Sachen zum Anziehen, die zwar auch nicht frisch waren, aber weit sauberer als die der letzten Tage. Bevor er wieder aufbrach, roch er noch einmal an seiner alten Hose, verzog wegen des Gestanks aber gleich das Gesicht. Da wird wohl nur noch Verbrennen helfen.
Die Gaststube war so gut besucht wie eh und je: Von den zwölf Tischen waren nur noch zwei frei und an der Theke drängten sich die Gäste, um ihre Bierkrüge neu auffüllen zu lassen. Herald der Wirt nickte dem alten Banditen zu, als er ihn sah. Garve erblickte hier und da einige bekannte Gesichter, manche davon waren sogar gute Freunde, doch ihm war nicht nach Gesellschaft. Er ließ sich an einem der freien Tische auf einen Sessel fallen. Der Tisch muss gerade erst frei geworden sein; Plätze so nahe am Kamin blieben selten lange frei. Außerdem standen noch drei benutzte Teller mit einigen Resten und sieben Bierkrüge darauf – einer davon noch halb voll. Die Reste kamen ihm wie gerufen, denn er hatte solchen Hunger, dass es die reinste Qual gewesen wäre, auf eine frische Bestellung zu warten. Und er musste nur selten dafür bezahlen, die Teller anderer fertig leer zu räumen. Als er aufgegessen hatte, legte er die Füße auf einem zweiten Stuhl hoch, lehnte sich zurück und genoss die Wärme des Kaminfeuers, während er darauf wartete, dass jemand kam, um seine eigene Bestellung aufzunehmen. Eine Weile später kam Bess – Heralds Tochter – an seinen Tisch. Mit ihren zwölf Jahren bekam sie gerade ihre ersten weiblichen Rundungen. Trotzdem war sie vor den Gästen sicher, denn ihr Vater konnte ziemlich gut mit dem Fleischerbeil umgehen.
„Was kann ich dir bringen, Garve? Wir hätten heute Hirscheintopf.“
„Ja, den bitte. Zwei Portionen. Und zwei Humpen Bier.“
„Erwartest du noch jemanden?“
Garve blickte sie irritiert an. „Nein, wieso?“
„Na du … ach, egal.“ Sie ging zum nächsten Tisch weiter.
Früher als befürchtet kam Bess mit einem kleinen Topf und zwei Humpen mit schäumendem Bier zurück. Die Reste zuvor waren ein guter Anfang gewesen, doch nun fühlte Garve sich so wohl wie seit Jahren nicht mehr.
„Nichts zu essen gefunden in den Bergen?“
Der alte Bandit sah von seinem Mahl auf. Vor ihm hatte sich ein untersetzter Glatzkopf aufgebaut, der Garve gerade einmal bis zum Kinn gereicht hätte. „Heute nicht, Mark. Gib Ruhe.“
„Was ist los? Wo sind die anderen? Versaufen die eure ach so große Beute woanders? Oder hat Cydnar dich heim geschickt, damit du bei seiner lächerlichen Schatzsuche nicht mehr im Weg bist?“
Markus Sevaryn war ein kleiner Händler, der schlecht auf Garve zu sprechen war, seit dieser vor fünfzehn Jahren eine seiner Lieferungen überfallen und ausgeraubt hatte. Beweisen hatte er es aber nie können und Ithrul war ohnehin eine Stadt voller Diebe. Solange man sich nicht innerhalb der Mauern in die Haare kriegte, war den Wachen vollkommen egal, was außerhalb vorging.
„Ich hab gesagt: Gib. Ruhe.“ Garve stemmte sich hoch, was seinen Beinen so gar nicht gefallen wollte.
„Sonst was? Raubst du mir noch eine Lieferung aus?“ Mark schnaubte und fuhr mit leichtem Lallen fort: „Nein, hast du doch nicht mehr nötig, jetzt, wo ihr eure Schätze aus den Bergen gefunden habt. Na dann zeig doch mal! Das Gold, die Edelsteine! Na? Wusst‘ ich’s doch: Nichts. In den Eswynn-Bergen gibt’s gar nichts. Ihr seid nichts anderes als Verlierer, Cydnar, du und das ganze Pa-“
Garve donnerte ihm seine Faust ins Gesicht und schickte ihn polternd zu Boden. Rund herum wurde es still im Raum. „Wir haben was gefunden, du Arsch! Was … Böses. Und jetzt sind sie alle tot! Cydnar, Finn, Rudmar, Joff – alle tot! Ich hab Glück, selbst davongekommen zu sein! Jetzt hau gefälligst ab und lass mich in Frieden!“ Er ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen, nahm einen tiefen Schluck Bier und beobachtete den Glatzkopf, wie der sich mit blutender Nase nach draußen schleppte. Frieden fand er damit jedoch nicht, denn bald fragten ihn andere Gäste aus, was genau in den Bergen passiert war. Bis spät in die Nacht erzählte er jedem, der sie hören wollte, die gleiche Geschichte, die er zuvor auch dem jungen Reiter erzählt hatte und warnte davor, auch nur einen Fuß in die Nähe der Berge zu setzen. Er bezweifelte jedoch, dass ihm allzu viele glauben würden.
Erst gegen Mitternacht hatte er wieder Zeit für sich selbst. Sein Topf war inzwischen leer und zu seinen zwei Humpen hatten sich zwei weitere gesellt. Der Schankraum wurde nur noch von ein paar wenigen Kerzen auf den Tischen und von der Glut ihm Kamin erleuchtet, vor dem Garve es sich wieder bequem gemacht hatte; mit hochgelegten Beinen und seinem fünften Bier. Außer ihm waren nur noch zwei andere Gäste da.
„Willst du nicht langsam mal auch heim?“, fragte ihn der Wirt, als der zwei Holzscheite nachlegte. Garve schüttelte den Kopf. Ihm war so gar nicht nach der dunklen, kalten Hütte. Ganz allein. Im Gasthaus war es warm, noch immer hell genug und es waren immer noch Leute in der Nähe, die im Notfall die Wache holen konnten. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte Garve sich sicher. Er schloss die Augen, um das Gefühl auszukosten, gähnte, reckte und streckte sich. Endlich konnte er sich einmal in Frieden ausruhen.
Bis plötzlich die Tür so fest aufgestoßen wurde, dass sie laut krachend gegen die Wand daneben knallte. Ein kalter Windstoß fegte in den Raum und löschte einen Großteil der Kerzen. Garve und die anderen Gäste waren hochgeschreckt, hatten sich Messer von den Tischen geschnappt und starrten zur Tür, doch draußen herrschte absolute Dunkelheit. Kein Zeichen von brennenden Straßenlaternen. Dann schob sich die Dunkelheit zu allem Überfluss auch noch wie eine Wolke langsam über die Türschwelle und in den Raum. Wirt und Gäste warfen einen nervösen Blick zu Garve, doch der war kreidebleich und bis an die Wand zurückgewichen. Langsam wurden in der Schwärze im Türrahmen Umrisse erkennbar: Eine Gestalt in einem langen schwarzen Gambeson mit Kapuze und einem langen Schwert in der Hand, das für sich bereits nach dem puren Bösen aussah. Kaum dass sie klar zu erkennen war, stürmte sie mit langen Schritten in den Raum, auf Garve zu. Die beiden Gäste stürzten sich auf sie, doch die Gestalt wischte den ersten Hieb ohne weiteres mit der eigenen Klinge zur Seite und schlug dem Angreifer den Schwertknauf ins Gesicht. Unter den nächsten Streich duckte sie sich einfach weg und gab dem zweiten Gast einen Tritt in die Kniekehle, sodass dieser nach einem lauten Aufschrei neben seinem Freund auf dem Boden landete. Garve warf einen hilfesuchenden Blick zu Herald, doch der Wirt war selbst bis an die Wand zurückgewichen, hatte die Augen geschlossen und betete lautstark.
Als die Gestalt nur noch wenige Schritte von Garve entfernt war, warf er sein Messer weg, ließ sich auf die Knie fallen und bettelte: „Bitte, ich bitte dich! Es tut mir leid! Bitte lass mich am Leben!“
Die Kapuzengestalt hielt kurz inne. Einen Augenblick lang wagte Garve zu hoffen. Dann aber machte sie einen letzten Schritt auf ihn zu und holte aus. Als die Klinge auf Garves Hals zuraste, schloss er das letzte Mal in seinem Leben die Augen.


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