RdS – Kapitel II: Nerevon

„Ganz ruhig atmen. Ein … aus.“, flüsterte Nerevon. „Lass dir nicht zu viel Zeit beim Zielen, sonst wirst du zittrig und schießt daneben.“
Das Reh hob den Kopf, als hätte es etwas gemerkt. Nerevon hielt den Atem an, sein Freund Aureon neben ihm auch. Doch er schoss nicht, er hielt nur den Bogen voll gespannt, zielte – und zitterte vor Anstrengung.
Schieß endlich, du hochgeborener Narr. Sonst haut das Vieh noch ab, schimpfte er in Gedanken. Er blickte zum Himmel hoch, als ihm ein Regentropfen auf den Kopf viel. Durch das dichte Blätterdach des Waldes waren Himmel und Wolken kaum zu erkennen, aber er sah genug. Das wird ja noch ein toller Nachmittag. Ich freu‘ mich jetzt schon auf’s Kaminfeuer.
Das vertraute Zonk seines Bogens riss Nerevon aus seinen Gedanken; Aureon hatte endlich geschossen – daneben. Der Pfeil war weg, vom grünen Dickicht des Waldes verschlungen und das Reh kurz darauf auch.
„Na … vielleicht morgen.“ Nerevon gab seinem vierzehnjährigen Schützling einen tröstenden Klapps auf die Schulter. Aureon war das jüngste der drei Kinder von Lord Thedas Windläufer – und er war in nichts besonders gut, worauf sein Vater Wert legte. Er war schlecht mit Pfeil und Bogen; mit der Armbrust war er kaum besser. Mit Schwert und Schild war er eine Katastrophe und was die Lanze zu Pferd angeht, daran wollte Nerevon gar nicht denken. Aber eines musste er dem Jungen lassen: Er gab nie auf.
„Komm, seh’n wir, dass wir heim kommen. Zurück nach Tistron.“, sagte Nerevon zu Aureon, welcher immer noch betreten dem Reh nachsah.
„Was ist mit dem Pfeil?“
„Da findest du eher das Reh wieder. Jetzt komm. Bald pisst’s hier wie aus Eimern.“
Das brauchte er Aureon nicht zwei Mal zu sagen. Der Junge wollte schon losstapfen, als Nerevon ihn an der Schulter zurückhielt.
„Falsche Richtung. Ich geh‘ vor.“
Anders als der Sohn seines Lords fand Nerevon sich bestens zurecht und schon bald hatten sie ihre Pferde am Waldrand wiedergefunden, wo sie sie festgebunden hatten. Nerevon liebte die Wälder, die östlich von Tistron lagen; schon von klein auf. Und genau so lange hasste er schon das Wetter hier, denn die Stadt lag an der Westküste Ellyberims. Westlich davon ragte nur die Festung Sturmauge von den Klippen einer kleinen Halbinsel gen Himmel. Und westlich der Festung war Meer. So weit ein Seemann segeln konnte, nur Meer.
Die Sommer waren zu kalt und zu feucht für Nerevons Geschmack, die Winter waren zu warm und zu feucht und Frühling und Herbst waren mal heiß, mal kalt – und auch zu feucht.
Aureon hatte bereits aufgesessen, als sein älterer Weggefährte eine Bewegung im hohen Gras sah, kurzerhand einen Pfeil aus dem Köcher an seinem Gürtel zog, spannte und schoss. Fürs Zielen brauchte er selten länger als einen Herzschlag – oder manchmal zwei.
„Guter Schuss, m’Lord!“, rief er Aureon zu, als er den erlegten Fasan in die Höhe hielt. „Euer Vater wird stolz sein.“
„Aber … du hast doch …“
„… zugesehen und gestaunt, m’Lord.“
Der Junge gab es auf zu widersprechen, Nerevon grinste und der Fasan wurde an Aureons Sattel gebunden.
Von da an ritten sie schweigend. Aureon hasste es, sich mit fremden Federn zu schmücken, das war Nerevon schon klar. Aber wenn sie mit leeren Händen zurückkehrten, würde sogar das entkommene Reh noch Lord Thedas Gebrüll hören. Und das musste nun wirklich nicht sein.
Als sie endlich das Palisadentor von Tistron erreichten, hatte sich Nerevons Befürchtung bestätigt. Es regnete so heftig, dass sie sogar lediglich die paar Stadtwachen antrafen, die wirklich draußen am Tor sein mussten. Ansonsten waren die Straßen menschenleer. Die Flaggen auf den Dächern hingen schlaff und mit Regenwasser vollgesogen nach unten. Ebenso die unzähligen kleinen und bunten Wimpel, die man an Seilen über die Straßen und Gassen gespannt hatte. Die vielen kleinen Stände, um die sich die Menschen sonst drängten, waren verlassen. Wohin die Händler ihre Waren an solchen Tagen brachten, wusste Nerevon nicht – und es hatte ihn auch nie interessiert. Aber er bewunderte, wie schnell sie damit waren, ihr Zeug wegzuschaffen oder wieder herzuräumen. Nerevon hatte Bienenstöcke gesehen, in denen es verglichen zur Marktstraße langsam und gemütlich zuging. Noch deprimierender anzusehen waren die leeren Tribünen um die Arena, die man die letzten Wochen auf dem großen Lynardsplatz im Herzen der Stadt aufgebaut hatte.
„Ausgerechnet heute. Sauwetter!“, fluchte Nerevon.
„Eldred hatte sich so sehr auf das Fest gefreut.“
„Na irgendwas wird ihn schon aufmuntern. Hoffentlich.“ Wenn nicht, wird er unausstehlich. Aureons älterer Bruder liebte es, seine Geburtstage zu feiern, indem er Ritter und Söhne anderer Lords vom Pferd stieß. Die meisten dieser Turniere hatte er gewonnen, bis auf eines vor zwei Jahren. Nerevon konnte sich noch gut an die darauffolgenden Wochen erinnern. Seine Trainingspartner hatte er quer über den Übungsplatz von Sturmauge gescheucht. Einmal hatte auch Aureon herhalten müssen. Noch heute ließ die Aussicht auf ein erneutes Schwerttraining mit seinem Bruder sämtliche Farbe aus seinem Gesicht weichen. Und als ihm die menschlichen Opfer ausgegangen waren, hatte Eldred seinen Zorn in den Wäldern ausgelassen – hauptsächlich an Ebern. Einen hatte er so zugerichtet, dass man sein Fleisch nur noch für Eintopf verwenden konnte.
Nerevon zwang sich zu einem Lächeln. „Wenn sie heute nicht tjosten können, dann eben morgen.“
Aureon seufzte. „Hoffentlich.“ Er blickte lange und grimmig über die Dächer und qualmenden Schornsteine Tistrons hinweg zu den Türmen Sturmauges, die im Westen emporragten. „Danke für den Fasan, Nerevon.“, sagte er schließlich. „Ich glaube nicht, dass Vater dich heute noch einmal brauchen wird.“
Der Jäger jubelte innerlich. Gerade zu Festen und Turnieren wimmelte es in der Festung von adeligen Gästen und die meisten sahen auf ihn herab wie auf eine Ratte, die sich an ihren Vorräten vergriffen hatte. „Danke, m’Lord.“
„Genieß den Abend noch.“
„Ihr auch … so gut es eben geht.“
Aureon schenkte ihm noch ein schwaches Lächeln, bevor er zur Brücke losritt, die Sturmauge mit der Stadt verband. Nerevon blickte ihm noch kurz nach, ehe er seine Kapuze tiefer ins Gesicht zog und seinem eigenen Pferd die Sporen gab.
Es war kurz vor Sonnenuntergang, als er in sauberem und einigermaßen trockenem Gewand die Taverne Zum heiteren Steuereintreiber am Nordrand der Stadt betrat. Vor fünfzig Jahren hatte man hier einen Steuereintreiber von König Margus abgefüllt, ihm zwei Drittel von Tistrons Steuern an die Krone beim Würfeln abgenommen und wenig später die Taverne nach ihm benannt.
Im Schankraum ging es so laut und fröhlich zu, wie Nerevon es gewohnt war. Im Kamin brannte ein üppiges Feuer, in einer Ecke spielten drei Männer mit Fiedel, Flöte und Trommel einen schnellen heiteren Rhythmus und auf einem der Tische tanzten sogar zwei Dockarbeiter gleichzeitig mit … Elyna?
Sie wirbelte so schnell um die eigene Achse, dass er sie kaum erkannt hatte – vor lauter Starren wäre er fast in eine der Wachen gelaufen, die neben dem Eingang Stellung bezogen hatten. Wie alle Soldaten der Stadt trugen sie Kettenhemden und darüber einen blauen Waffenrock mit dem weißen Hengst der Windläufer auf der Brust.
Nachdem er eine kurze Entschuldigung gemurmelt hatte, setzte er sich an den Tisch in jener Ecke, die am weitesten von den Musikanten entfernt war und beobachtete weiter, wie die Tochter von Lord Windläufer ihren Spaß hatte. Wie ihre Brüder und ihr Vater hatte sie dunkelbraunes Haar – und da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Sie hatte kein Bisschen von Lord Thedas Strenge und Ernst, viel eher war sie ein heiteres und hübsches Mädchen. Und anders als die meisten Adeligen gab sie sich gern mit dem gemeinen Volk ab – vor allem aber mit ihm.
Sein ganzes erstes Ale lang beobachtete er ihren Tanz von seiner Ecke aus, der Schankraum füllte sich immer mehr mit Kleinvolk und ein Fischer löste die beiden Dockarbeiter ab. Auf sein erstes Ale folgte ein zweites, dann erst hatte er genug Mut gefasst, um den Fischer abzulösen. Er stand auf und fing an, sich an der Wand entlang seinen Weg zu ihrem Tisch bahnen, als plötzlich die Eingangstür aufgeknallt wurde – genau in Nerevons Gesicht.
Alles drehte sich, eine Hand nahm ihn am Arm, zog ihn zu einer Bank. Als er endlich wieder richtig wusste, wie ihm geschah, tanzte niemand mehr auf dem Tisch. Lady Elyna war weg. Und der Wirt Bjord hielt ihm ein weiteres kühles Glas Ale an die Nase, die schmerzte, als hätte er eine Schlägerei mit einem Braunbären gehabt.
„Was war das denn?“, fragte er schließlich, nachdem er sich noch immer keinen Reim auf das Geschehene machen konnte.
„Keine Ahnung. Aber sah wichtig aus. Kennst ja die Lords. Irgendwas is‘ immer. Und immer isses wichtig.“ Bjord lachte lauthals und ehe Nerevon sich versah, hatte er das Ale selbst in der Hand und der Wirt war im Getümmel verschwunden.

„Erst die Pleite bei der Jagd, dann der Regen und jetzt haut so ein Depp mir noch die Tür auf die Nase. Schlimmer kann’s echt nicht mehr kommen.“, brummte Nerevon und nahm den ersten Schluck seines dritten Glases an diesem Abend. Und es sollte nicht das letzte sein.


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