RdS – Kapitel VII: Elyna

Der Regen hüllte die Welt in einen grauen Vorhang. Straßen und Wege verwandelten sich in Schlammpfützen, Felder und Wiesen waren so aufgeweicht, man fürchtete schon, darin zu versinken.
Elyna aber trieb es gerade in den Regen, auf die Wiesen und Felder – fort von Tistron. Wohin sie überhaupt reiten wollte, wusste sie selbst nicht. Hauptsache weg. Weg von der Burg, weg von der Stadt und vor allem weg von schlechten Nachrichten und den bedrückten Mienen, die mit ihnen einhergingen.
Ein Blitz tauchte die ertrinkende Welt um sie herum in weißes Licht. Sie ließ das Pferd anhalten, rieb sich die Augen, doch außer Weiß konnte sie nichts erkennen. Aber hören konnte sie etwas: Erst nur Gelächter, dann auch Musik und schließlich fand sie sich auf einem der Tische im heiteren Steuereintreiber wieder. Es war der Nachmittag vor der alles verändernden Botschaft. Elyna lachte und tanzte und das Leben war schön. Bis die Tür der Taverne aufflog und der Herold ihres Vaters hereinstürmte – blasser als ohnehin schon.
„Milady, Euer Verlobter …“, fing er an, doch dann wurden alle Geräusche um sie herum dumpf und unkenntlich. Ob Olvar weiter gesprochen hatte, konnte sie nicht sagen. Es hätte ohnehin keinen Unterschied gemacht. Seine bleiche, grimmige Miene hatte genug verraten. Alles und jeder in der Taverne wurde plötzlich so farblos und grau wie das verregnete Tistron, in das Olvar sie ohne viele weitere Worte führte. Die Straßen und Abbiegungen nahm sie kaum wahr, auch nicht die große Brücke zur Burg, die Wache am Tor, den matschigen Hof oder die Gäste in der Festhalle. Menschen um sie herum bewegten die Lippen, aber sie konnte kein Wort verstehen. Sie durchquerte die Halle, durchschritt die Tür zur kleinen Audienzkammer ihres Vaters und wäre beinahe gegen ihren Bruder Aureon gelaufen, wäre dieser nicht gerade noch ausgewichen. Da standen sie, alle mit ernsten oder traurigen Gesichtern: Ihr Vater, ihre Brüder, an die Wand gedrängt ein paar andere, die sie nur als Schemen erkannte und Marc Durrance. Sein gelber Waffenrock war so sehr mit Blut befleckt, dass man den schwarzen Bären auf der Brust kaum noch erkennen konnte. Er kniete vor ihr nieder und seine Lippen bewegten sich. Aber sie brauchte seine Worte nicht – sie brauchte gar keine Worte.
Noch am gleichen Abend verbrannte man der Tradition gemäß Adan Mallisters Leiche, um später seine Asche nach Gauldrimshafen – die Stadt seiner Vorväter nicht weit im Süden zu schicken. Und gemeinsam mit ihrem Verlobten verbrannten ihre Hoffnungen auf ein Leben nur wenige Tagesreisen von Tistron entfernt. Auch in Gauldrimshafen war sie bereits gewesen, ein hübscher und betriebsamer Hafen am Rand des großen Deltas, wo der Gorrlund, Ellyberims größter und längster Fluss in den westlichen Ozean mündete. Wann immer Adan fort gewesen wäre, hätte sie auch sie auf Reisen gehen können. Weiter den Süden erforschen, zurück nach Hause kommen – nach ihrem kleinen Bruder sehen und ihre Freunde in der Stadt treffen. Und wenn er zuhause gewesen wäre, hätten sie gemeinsam Abenteuer erleben, Turniere besuchen oder auch einfach nur gemeinsam Zeit verbringen können. In den zwei Jahren seit ihrer Verlobung hatte er sie gut zehn Mal für einige Tage besucht, meistens um mit ihr auszureiten, die Klippen der Küste entlang. Dabei hatte sie sich immer königlich amüsiert; er war nur ein Jahr älter als sie gewesen, meist höflich – aber nicht zu höflich, mutig – aber selten waghalsig, witzig – aber nie plump, stolz – aber nie eitel. Aber nun war er doch ein einziges Mal zu waghalsig geworden.
Der Gedanke an all die zerstörten Träume machte sie nicht nur traurig, sondern auch wütend. Wütend auf Adan, weil er der Kolonne von Marc Durrance voraus und in den Hinterhalt geritten war, wütend auf die Wegelagerer, die ihn getötet hatten, wütend auf ihren Vater, weil er bereits einen neuen Bräutigam für sie ausgesucht hatte, noch bevor die letzte Glut von Adans Feuer erloschen war, wütend auf den Regen, weil er immer nur kurz aussetzte, und wütend auf die ganze Welt, weil sie keine bessere war.
Plötzlich schlug sie auf dem morastigen Boden auf. Der Blitz hatte ihr Pferd scheuen lassen. Elyna rappelte sich laut fluchend auf. Sie zerrte an ihrem durchnässten Kleid, zog den Stoff für einen Moment von der Haut darunter, nur damit er sich wieder an sie klebte, als sie los ließ. „Marvar!“, rief sie wütend wie noch nie zu vor in ihrem Leben, doch von dem Reittier war nichts zu sehen. Auch nicht, als ein weiterer Blitz über den Himmel zuckte und die Nacht für einen Herzschlag taghell erleuchtete. Sie blickte sich weiter um. Der Sturz hatte ihr jede Orientierung geraubt. Wo Tistron lag, konnte sie beim besten Willen nicht sagen – sie wusste nicht einmal mehr, in welcher Richtung überhaupt das Meer lag. Angst stieg in ihr auf und mit jedem Schritt, den sie knöcheltief in der aufgeweichten Erde versank, kam auch immer mehr Verzweiflung hinzu. Aber sie ging weiter. Sie war nass, ihr war kalt, und ein Ende dieser verregneten Dunkelheit war nicht in Sicht. Elyna, dachte sie, in was hast du dich nur jetzt wieder gebracht? Mit jedem Schritt fürchtete sie inzwischen, dass sie beim nächsten keinen Schuh mehr am Fuß haben würde und ihre Zähne klapperten vor Kälte. Ihr einziger Trost war, dass bei dem ganzen Regen niemandem die Tränen auf ihren Wangen auffallen würden – sollte überhaupt jemand sie finden.
Sie schrie auf, als sie gegen etwas lief. Das Etwas blökte und rannte über die Wiese davon.
„Wer da?“, krächzte eine Stimme. Elyna blickte sich um, bis sie den schwachen Schein einer Laterne erkennen konnte, die auf sie zukam. Wenige Atemzüge später konnte sie auch die Umrisse ihres Trägers erkennen. Er war in einen Kapuzenmantel gehüllt, genau wie sie – genau wie jeder in der Region, wenn es regnete. Die Gestalt stützte sich beim Gehen auf einen etwa schulterhohen Stab, war dafür aber erstaunlich rasch zu ihr gestoßen. „Was willst du mit meinen Schafen, Mädel?“, brummte er und reckte den Kopf unter der Kapuze etwas vor, sodass sie sein faltenreiches Gesicht, seine krumme Nase und seine stechenden Augen erkennen konnte.
„N-nichts.“, stotterte sie, nicht sicher ob aus Angst oder Kälte, „Ich …“ Sie stockte, denn sie hatte keine Ahnung, was sie dem Mann erzählen sollte – oder konnte.
„Ja? Los raus damit! Ich hab‘ nicht die ganze Nacht Zeit.“
„Ich bin aus Tistron … bin ausgeritten und mich hat die Dunkelheit überrascht. Und das Gewitter. Mein Pferd ging durch und ich habe mich verlaufen.“
Der Alte kaute eine Weile vor sich hin. „Vom Regen überrascht. ‘s pisst doch schon den ganzen Tag.“
„Bitte … könnt Ihr mich bitte einfach in die Stadt zurückbringen?“
Wieder kaute er, bis Elyna die Geduld riss.
„Ich kann Euch bezahlen.“
„Von mir aus. Aber ‘s is‘ schon ein ganz schöner Weg. Zu weit bei dem Regen. Noch dazu im Finster’n. Und ich muss die Schafe zurückbringen. Sind abgehauen, wie dein Pferd. Hab sie endlich alle beisammen, da verjagst du sie mir wieder!“
„Das tut mir leid.“
Er zuckte mit den Schultern. „Also zum Stall. Mal seh‘n, ob’s morgen auch so pisst.“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, stapfte er in die Dunkelheit voraus. Ein scharfer Pfiff, und ein paar Hunde bellten und setzten die Schafe um sie herum in Bewegung. Wie viele Schafe und Hunde es waren, wusste sie nicht und es war ihr auch egal. Sie war schon über die Aussicht glücklich, aus dem Regen heraus zu kommen.
Wie lange sie durch Regen und Dunkelheit gestapft waren, konnte Elyna beim besten Willen nicht sagen, aber es war ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen. Zum Ende hin hatte das Prasseln zwar nachgelassen, doch der Wind wurde stärker und ließ sie immer mehr frieren. Umso glücklicher war sie, als sie endlich an einer großen Hütte mit einem Strohdach ankamen. Der Alte schien wirklich mit seinen Schafen zusammen in einem Stall zu leben. Ein Zaun trennte das Schafgehege vom Wohnbereich des Schäfers. Ein einfacher Raum mit einem Bett, einer Feuerstelle und ein paar Schränken. Das Dach war zwar undicht und im Stall stank es furchtbar, aber als der Alte ein Feuer entfacht hatte, vergaß sie all das Leid des Tages.
„Zieh das an.“, raunte ihr Gastgeber und warf ihr ein Kleid zu, das genauso gut eine Zeltplane hätte sein können. Es roch muffig und war so oft geflickt worden, dass sie wegen des ursprünglichen Musters nur hätte raten können. Die vielen verschiedenen Stoffarten und Nähte kratzten – aber es war trocken. Trotzdem zog sie sich nicht gleich vor ihrem Gastgeber um, doch der hatte das Kleid kaum geworfen, als er sich schon seinen Schafen zuwandte. Kaum als sie das Rascheln von Stroh im Schatten weiter hinten hörte, zog sie ihre eigenen Kleider aus – einige davon klebten an ihrer Haut wie Blutegel – und streifte sich das Zelt über. Ihre nassen Sachen breitete sie zum Trocknen neben dem Feuer aus und kauerte sich daneben.
Draußen dämmerte es inzwischen. Durch ein Fenster konnte sie einige Holzpfosten und Balken einer zweiten, eingestürzten Hütte erkennen. Er hat nicht immer so gelebt, stellte sie überrascht fest.
„‘s passt so gar nicht.“, murrte der Alte, „Aber ‘s hält warm. Hoffe ich.“
Elyna konnte gerade noch die Augen schließen, denn er zog sich ohne Vorwarnung und ohne Scham das Wams über den Kopf aus und streifte die Hose ab.
„Kannst wieder schaun.“, sagte er wenig später. Er trug etwa die gleichen abgetragenen, grauen Kleider wie zuvor, nur dass diese nicht vollkommen durchnässt waren. Einige Strähnen der wenigen Haare, die ihm das Alter gelassen hatte, klebten in seinem faltenüberzogenen Gesicht. Anders als bei ihrem Vater konnte sie sich bei dem Alten kaum vorstellen, wie er als junger Mann einmal ausgesehen haben mochte.
„Wie heißt du eigentlich?“, krächzte er ihr zu.
„Elyna …“, sie zögerte kurz, ob sie ihre Herkunft wirklich verraten sollte, „… Elyna Windläufer.“
„Ne Lady?“ er kaute, doch nun erkannte sie, dass er vielmehr an jener Stelle nuckelte, wo früher einmal seine Vorderzähne gewesen sind. Schließlich murrte er: „Ihr Lords und Ladys bedeutet immer Ärger.“
„Dieses Mal nicht.“ Elyna klopfte auf ihrem nassen Mantel herum, bis sie ihren kleinen Münzbeutel fand und schüttete ein paar Silbermünzen in ihre Hand. „Ich kann Euch bezahlen. Wenn Ihr mich nach Tistron zurück bringt, sogar mit Gold.“
Der Mann nahm das Geld, nuckelte wieder eine Weile vor sich hin und nickte letztlich. Dann wurde es ruhig – zu ruhig für ihren Geschmack. „Das … ist ein schönes Kleid.“, log sie schließlich.
„Hat Betzy gehört.“
„Eure Frau?“
„M-hm.“
„Wo ist sie jetzt?“
Sein Blick huschte zum Fenster und zu den Überresten der anderen Hütte. „Tot. Im Feuer gestorben.“ Ihr Magen zog sich zusammen. „Das tut mir leid.“
Er nuckelte weiter an seinem Zahnfleisch.
„Wie war sie?“
Er zuckte mit den Schultern. „Traurig. Seit ’s Fieber unsre Söhne geholt hat. Davor …“ Der Alte schob das Kinn vor, als er überlegte, „Als sie jung war, war sie munter drauf. Wollte die ganze Welt sehn. Hat’s nie über ‘s nächste Dorf raus geschafft.“ Zum ersten Mal war sie froh, ans andere Ende Ellyberims ziehen zu müssen. Diese kurze Pause nutzte er, stand ohne ein weiteres Wort zu verlieren auf und ging zu Bett.
„Wann bringt Ihr mich heim?“, frage sie noch.
Der Alte deckte sich zu und drehte sich zur Wand, an dem das Bett stand – und damit von Elyna weg. „Wenn’s nicht mehr pisst.“


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