Das Schach-Prinzip

Ich träumte, ich ginge wieder zur Schule. Aber nicht irgendeine Schule, sondern eine ganz besondere. Die Klassen waren klein, die Lehrer geduldig. Nach Talenten und Begabungen wurde aktiv gesucht, um sie zu fördern und uns Kindern zu zeigen: „Darin seid ihr gut. Wirklich, wirklich gut.“ Natürlich gab es dann noch den gewöhnlichen Unterricht, wir lernten zu lesen, zu schreiben, zu rechnen, wie es in Fröschen aussieht und wie man einen im Werkunterricht angesägten Daumen verarztet.
Doch das mit Abstand beeindruckendste war die Eingangshalle, ein riesiges Schachbrett, auf dem einige wenige Figuren wild verteilt standen, wie in einem ewig andauernden Patt. Jede Figurenart war vertreten: Bauern, denen die jüngsten Schüler gerade einmal in die Augen sehen konnten, mannshohe Türme, Springer und Läufer und alles und jeden überragende Damen und Könige. An diesem gigantischen Schachbrett schien man nicht gespart zu haben. Die weißen Felder und Figuren waren aus reinem Marmor, die schwarzen aus purem Obsidian.
Am Schachbrett führte kein Weg vorbei. Nicht auf der morgendlichen Reise in die Klasse, nicht auf dem nachmittäglichen Heimweg. Manche Lehrer und Fächer hatte man in manchem Jahr nur montags und mittwochs, andere nur an wenigen, anderen Tagen. Wiederum andere Lehrer beglückten einen an allen Tagen außer einem und noch dazu in verschiedenen Fächern. Und manchmal war ein Lehrer krank und wurde von einem anderen vertreten. Die schwarzen und weißen Schachfiguren jedoch standen jeden Tag da, wenn wir kamen oder gingen, beinahe als würden sie uns begrüßen oder uns einen guten Heimweg wünschen. Sie waren da, wenn es regnete oder die Sonne schien, wenn es schneite oder die Luft über dem Asphalt in der frühsommerlichen Hitze flimmerte.
Manchmal versuchte ein Schüler, die Figuren zu verrücken, um endlich die Partie zu einem Ende zu führen. Doch keine rührte sich. Andere versuchten, aus der Anordnung der Figuren schlau zu werden, doch sie wirkte, als hätten beide Spieler ihre Figuren bewegt, ohne sich ihres Gegners überhaupt bewusst zu sein. Als wäre Gewinnen oder Verlieren vollkommen unwichtig. Wenn wir die Lehrer fragten, was es mit dem Schachbrett auf sich hätte, lächelten sie nur stets und antworteten: „Das ist die Frage.“
Die Jahre vergingen und da die Klassen klein waren, wussten die Lehrer auch ganz genau, in welchen Bereichen unsere Talente und Stärken lagen und in welchen wir ihren Ansprüchen genügten, weil wir es mussten. Wirkliche Schwächen hatte kaum jemand, denn man hatte sich gut um uns Schüler gekümmert. Wem eine Sache absolut nicht lag, der wusste immerhin, warum dem so war und wie er diese vermeintliche Schwäche entweder umschiffen oder gar zu seinem Vorteil nutzen könnte. Letztendlich ging es an die Abschlussprüfung, die Matura, das Abitur. Die Prüfung aller Prüfungen.
Jeder von uns Schülern wurde allein in einen kleinen Raum gebeten, so auch ich. Um mich herum saßen all meine Lehrer. Sie alle wussten, was ich wusste. Manche sogar, was ich dachte. Mir gegenüber saß jedoch der Direktor, ein alter Mann in langer, schwarzer Robe und mit weißem Bart. Er blickte mich über die kreisrunden Gläser seiner Brille hinweg an und stellte mir nur eine einzige Frage:
„Du warst jetzt einige Jahre bei uns, bist oft genug durch unsere Eingangshalle gegangen und hast dich wahrscheinlich oft genug gefragt, was es mit dem Schachbrett auf sich hat. Nun stell dir vor, dein ganzes Leben – alles was war, was ist und noch sein wird – all das ist ein Schachspiel. Wer würdest du sein wollen? Bauer? Turm? Springer? Läufer? Dame? Oder König?“
Ich überlegte, ging in Gedanken noch einmal alle Lektionen aller Lehrer und Mentoren durch, durchwühlte mein Gedächtnis nach Hinweisen, was ich antworten sollte. Und dann, als ich der Verzweiflung nahe war, verstand ich endlich. Ich verstand, was uns das Schachbrett lehren sollte.
Ein letztes Mal atmete ich tief durch, sah dem Direktor direkt in die Augen und antwortete: „Nun … wenn mein ganzes Leben ein Schachspiel wäre, wäre ich gern der Spieler.“
Und der Direktor lächelte.


Die Idee zu dieser Geschichte erreichte mich vor zwei Tagen, als mein Vater mir an einem der schönsten Sonntage meines Lebens ein wenig Musik vorspielte. Darunter der zweite Satz von „Kaskaden“ Konzert für Klavier und Streichorchester von unserem Nachbarn Thomas Mandel. Es war ein Spiel, das mein Vater und ich schon oft gespielt haben: Musik hören, die Augen schließen und die Bilder entdecken, die mit den Tönen harmonisieren. In diesem Fall fand ich mich in Hogwarts wieder, auf dem großen Schachbrett des ersten Romans. Nur dass es in der Eingangshalle stand. Die Musik trug mich weiter, ließ mich die Magie von Rowlings Schöpfung erleben. Doch am Ende blieben das Schachbrett und meine Erkenntnis daraus.
Das Schach-Prinzip ist neben Thomas Mandel und meinem Vater jedem anderen Menschen gewidmet, der mich in meinem Leben jemals inspiriert hat und jedem Menschen, der seine Inspiration und seinen Weg noch sucht.

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