Gelegenheiten

„James? James!“ Ein leichter Klaps auf seinen Hinterkopf riss James aus seinen Gedanken.„Kümmere dich um unsere Kunden und häng nicht dauernd Tagträumen nach!“, ermahnte ihn sein Vater. James nahm eilig von einem verärgerten Mann das Geld für ein paar Äpfel und eine Birne entgegen. Seit Jahren schon half er dabei, am Stand seines Vaters alle möglichen Sorten Obst und Gemüse zu verkaufen. Es war kein einfaches Geschäft, aber sie kamen über die Runden. Irgendwann würde er den Stand übernehmen.
„Woran hast du nur wieder gedacht? Deine Geschichten?“, fragte ihn sein Vater. Eigenartigerweise konnte James dieses Mal nicht sagen, worum es gegangen war. Waren es die Felder und Wälder außerhalb der Stadt, wo er sich in seiner Freizeit häufig herumtrieb? Oder der Streich, den er gemeinsam mit ein paar Freunden die Woche zuvor dem Müller gespielt hatte? Womöglich wirklich eine der Geschichten, die er immer wieder im Pub zum Besten gab? Vielleicht sogar seine Lieblingsgeschichte von der Prinzessin, die einen entführten Drachen aus den Fängen eines blutrünstigen Ritters rettete? Eigenartig. Sonst vergaß er seine Grübeleien nie. Als der Vater nach ein paar Minuten noch immer keine Antwort von seinem Sohn bekam, schüttelte er nur den Kopf und wandte sich wieder seinen Kunden zu. ­­James ließ den Blick über den Marktplatz schweifen. Es herrschte das übliche Vormittagschaos. Standbesitzer warben lautstark für zarte Lammkeulen, frisch gebackenes Brot, Nüsse aus fernen Ländern – in der Luft vermischten sich Düfte von Tulpen, Rosen und anderen Blumen mit Zimt und Oregano von einem Gewürzstand und leider auch mit Fisch, an dessen Frische James ernsthafte Zweifel hatte.
Er seufzte. Ein Tag wie jeder andere.
In diesem Moment schlenderte eine junge Frau an seinem Stand vorbei, schöner als jede Elfe, jeder Engel, jede Prinzessin und jedes andere Wesen, das er sich für seine Geschichten je ausgedacht hat. Sein Blick folgte ihr, während sie die Reihen des Marktes durchstreifte und hier ein grünes Kleid betrachtete, dort an einer Lilie schnupperte. Nicht einmal seine Kunden konnten ihn dazu bringen, sie für mehr als einen Herzschlag aus den Augen zu lassen. James konnte nicht anders. Er musste sie ansprechen, sie kennen lernen. Nur wie? Was sollte er zu ihr sagen? Was, wenn er etwas Falsches sagte? Wenn sie ihn deswegen auslachte? Sein Magen verkrampfte sich beim Gedanken daran. Nein, er durfte es nicht vermasseln. Er müsste es perfekt machen. James überlegte und überlegte, was er nur zu ihr sagen sollte und bemerkte erst viel zu spät, dass er sie aus den Augen verloren hatte. So sehr er sich auch umsah, er konnte sie nicht mehr finden. Enttäuscht von sich selbst schüttelte er den Kopf und versuchte, sie zu vergessen. Aber das konnte er nicht. Den ganzen restlichen Tag nicht und auch nicht bis tief in die Nacht hinein.
Am nächsten Morgen fasste er einen Entschluss: Er würde sie weiter beobachten, wenn sie wieder auf den Markt ginge und herausfinden, was ihr Freude machte. Wenn er ihr imponierte, würde das alles viel leichter machen. Mit Sicherheit.
Also beobachtete er sie. An diesem Tag waren die Gaukler in der Stadt. Einer davon – ein Jongleur hatte es ihr besonders angetan. Der Mann redete und spaßte mit ihr so unbekümmert, dass es James vorkam, als würde man seinen Magen mit Nadeln spicken. Sein einziger Trost war, dass die Gaukler schon bald weiterziehen würden. James beschloss, jonglieren zu lernen. Er übte bei jeder Gelegenheit; Tag und Nacht. So manche Äpfel und Pfirsiche musste er seinem Vater bezahlen, weil sie ihm auf den Boden gefallen waren. Birnen – fand er heraus – eigneten sich leider überhaupt nicht.
Nach zwei Wochen fühlte er sich endlich gut genug, um sich ihr präsentieren zu können. Kaum hatte er sie auf dem Markt entdeckt, nahm er allen Mut zusammen, schnappte sich drei Äpfel von seinem Stand und ging auf sie zu. Doch genau in dem Moment, als er sie ansprechen wollte, fiel ihm ein Buch in ihrer Hand auf. Eine berühmte Gedichtsammlung. Da kam er sich mit seinen Mandarinen sehr albern vor. Wütend auf sich selbst machte er kehrt und eilte so schnell es ging zu seinem Stand zurück.
Zumindest wusste er, was nun zu tun war: er musste Dichten lernen. Also plünderte er seine Ersparnisse und kaufte genau das Buch mit dem er die Frau gesehen hatte. Er las es von vorne bis hinten und von hinten nach vorne. Gedicht für Gedicht lernte er auswendig, bis er glaubte, verstanden zu haben, was es mit den Reimen und Versen auf sich hatte. Dann machte er sich daran, selbst zu dichten – und schon bald war der Boden seines Zimmers voll zerknüllter Seiten. James brauchte einen Monat, bis er mit einem seiner Gedichte zufrieden genug war, um es ihr vorzutragen. An dem Tag sah er auf dem Markt, wie sie mit einem Soldaten flirtete. Wieder stürmte er wütend davon. Wie konnte er so dämlich sein, ihr Herz mit einem Gedicht erobern zu wollen? Dabei war es doch offensichtlich, dass Frauen starke Männer schätzten! Kein Wunder, dass sie nicht einmal wusste, dass er existierte! Wieso auch? Schwach und unbeholfen wie er  war.  Die Lösung war eindeutig: er musste um ihr Herz kämpfen. Und dazu würde er wohl Fechten lernen müssen.
Das nächste Mal machte das Lied eines fahrenden Sängers seinen Plan zunichte und brachte ihn zu dem Entschluss, Musizieren lernen zu müssen. Im Lauf der nächsten Jahre lernte er unzählige Dinge um die Frau seiner Träume beeindrucken zu können, schaffte es aber im letzten Moment nie, über seinen Schatten zu springen. Bis sie eines Tages nicht mehr auf den Markt kam. Verzweifelt streifte er tage- und wochenlang durch die Stadt und versuchte, sie zu finden. Vergeblich. Er versuchte, herauszufinden, warum sie verschwunden war; und wohin. Vergeblich. Die Zeit am Stand seines Vaters wurde ihm zur Qual. Das bunte Treiben und die vielen Gerüche wurden ihm gleichgültig.
James übernahm schließlich den Stand seines Vaters, verkaufte tagein tagaus Obst und Gemüse und versuchte sich in Vergessen. Er betrank sich regelmäßig in der Schenke, versuchte es mit Gebeten, aber was er auch versuchte; er konnte sie ebenso wenig vergessen, wie er sie hatte ansprechen können. Ab und zu keimte in ihm wieder Hoffnung auf und er hielt die Augen nach ihr offen, wohin er auch ging. Finden konnte er sie allerdings nicht.
Sein Leben war eine einzige Qual geworden. Seine Freunde die ihm einst mit Rat zur Seite gestanden hatten, wandten sich der Reihe nach von ihm ab. James Haare wurden allmählich grau, das Gesicht faltig. Dann wurde das Gehen schwierig und schließlich auch das Atmen.
Als er letztlich nicht mehr aufstehen konnte, erinnerte er sich voller Bedauern an jenen Tag zurück, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Warum nur hatte er sie nicht damals schon angesprochen? Einfach irgendetwas zu ihr gesagt? Es wäre ganz egal gewesen, was. Er hätte erfahren, wie es von da an weiter gegangen wäre. Er hätte mit ihr sein Leben verbringen oder zumindest die Sache abschließen und sein Leben anderem widmen können. James wusste, dass seine Zeit vorüber war. Er schloss die Augen, atmete ein letztes Mal ein. Ich wünschte, ich hätte sie damals angesprochen. Er atmete aus.
„James? James!“ Ein leichter Klaps auf seinen Hinterkopf ließ ihn aufschrecken.
„Kümmere dich um unsere Kunden und häng nicht dauernd Tagträumen nach!“, ermahnte ihn sein Vater. James schüttelte den Kopf, dann sah er sich um. Der Markt lärmte genau wie damals; die gleichen Gerüche stiegen ihm in die Nase. Er betastete verwundert sein Gesicht – keine Falten! Wie in Trance ging er um den Stand seines Vaters herum und ließ den Kunden und seinen Vater verwundert zurück. Marktbesucher drängten sich an ihm vorbei; dann entdeckte er eine junge Frau – seine junge Frau. James schloss die Augen und dachte an sein vergangenes Leben. Er atmete tief durch und bahnte sich dann den Weg zu ihr, berührte sie vorsichtig am Ellbogen. Sie wandte sich zu ihm um, blickte ihm mit einem leicht verwunderten Lächeln in die Augen: „Ja?“
„Hallo, mein Name ist James.“


Diese Geschichte habe ich im Februar 2012 für eine Frau geschrieben, in die ich damals sehr verliebt war. Daraus wurde zwar nichts, aber die Widmung bleibt. Da es hier aber nicht um meinen Namen geht, bleibt sie bis auf weiteres anonym.

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