RdS – Kapitel III: Athyrrim

Mühsam stapfte Athyrrim die Gänge in den Kellergewölben Moronds entlang. Es kostete ihn viel Kraft, den stechenden Schmerz in seiner Seite zu ignorieren. Zwei Tage lag der Anschlag auf ihn zurück. Kaum mehr als eine Narbe erinnerte noch an den Zwischenfall. Eine Narbe von vielen. Doch unter der Haut war die Heilung noch nicht ganz so weit fortgeschritten. Trotz der Schmerzen, die er immer noch hatte, bemühte er sich, aufrecht zu gehen. Nichts durfte nach außen hin auf Schwäche hinweisen. Schwäche wurde von den Schülern des Klosters gewissenlos ausgenützt, wenn es darum ging, einen Rivalen auszuschalten.
Nach einer Weile hielt er inne, sah in den dunklen Gang vor sich, blickte dann über die Schulter. Er war allein. Erleichtert lehnte er sich an eine Wand und erlaubte sich, seine Maske der Stärke einen Moment lang abzulegen. Nur einen Moment lang ausruhen, dachte er, während er ein paar Mal tief durchatmete. Als der Schmerz endlich etwas nach ließ, hörte er erstmals wieder die Geräusche, die aus der Tiefe am Ende des Gangs drangen: Hämmer, die auf Metall schlugen. Er musste bald weiter gehen, doch noch nicht jetzt. Erschöpft sank er an der Wand zu Boden, schloss die Augen und rief sich das Bild der jungen Frau im Leinenkleid wieder in Erinnerung. Ihre sorgsame aber gleichzeitig liebevolle Miene ließ ihn erneut Kraft schöpfen. Langsam richtete er sich wieder auf, öffnete die Augen jedoch nicht. Er wollte sich noch nicht von dieser lebensspendenden Erinnerung lösen. Langsam tastete er sich Schritt für Schritt an der Wand entlang, seinem Ziel entgegen.
 
Plötzlich sah er sich wieder auf dem Übungsplatz. Sein Angreifer drückte das Messer langsam und mit einem höhnischen Grinsen in Athyrrims Bauch. Erneut spürte er die ungeheure Wut über seine eigene Nachlässigkeit und die Vorgehensweise seines Angreifers in sich aufsteigen. Dieser Mitschüler hatte das Eine gegen ihn eingesetzt, das ihm mehr bedeutete als alles andere auf der Welt. Langsam blickte er von der Wunde auf in die Augen seines Gegenübers, verengte seine eigenen zu schmalen Schlitzen. Athyrrims Angreifer war dieses Verhalten alles andere als geheuer. Er hatte vieles erwartet – Jammern, Panik, doch nicht diesen hasstriefenden Trotz. Der junge Mann holte noch einmal aus, um seinem Opfer den Dolch noch einmal und noch tiefer in den Bauch zu stoßen, doch dieses Mal stach er ins Leere. Sein Opfer war in einer Wolke explodiert, die sich wie schwarze Seidentücher um ihn legte. Panisch blickte er sich um, schnitt mit dem Dolch durch die Luft und teilte den schwarzen Qualm, nur damit dieser sich einen Wimpernschlag später wieder schloss und weiter verdichtete. Von der aufgehenden Sonne und dem Übungsplatz war nichts mehr zu sehen. Überall nur erstickende pechschwarze Wolken. Immer wilder und immer ängstlicher wirbelte der junge Mann wieder und wieder herum, stach und schnitt in die Dunkelheit, doch von Athyrrim fehlte jede Spur.
Dann, so plötzlich wie der Qualm aufgetaucht war, wurde er wieder dünner und verschwand schließlich. Der junge Attentäter blickte auf die Stelle, wo sein Ziel vorhin noch gestanden hatte, doch es war weg. Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herum fahren. Da stand Athyrrim plötzlich und ließ sein gezogenes Schwert auf seinen Angreifer niedergehen.
 
Wütend fluchend rieb Athyrrim sich die Stirn. Er hatte sich den Kopf an einem niedrigen Türstock gestoßen, der den Gang von einer Treppe abgrenzte. Er sah die Treppe hinunter und schüttelte den Kopf, um sich von der Benommenheit zu befreien. Einen Moment später betrat er langsam und vorsichtig die Treppe. Diese Gänge waren bereits tief im Fels unter Morond, die Luft war kalt und die Stufen waren entsprechend glitschig. Der junge Attentäter kämpfte sich mühsam nach unten und musste öfters anhalten, wenn ihn seine Wunde schmerzte. Warum die Schmiede des Klosters so tief in den Katakomben war, verstand er beim besten Willen nicht. Athyrrim mochte die Katakomben nicht. Es war dort fast immer dunkel, kalt und feucht. Die Luft gewann dadurch etwas Schweres, schon beinahe Öliges. Selbst das Feuer der Fackeln, die hier und dort in der Wand steckten, schienen einen ständigen Überlebenskampf gegen die feuchte Luft zu führen. Die Flammen wurden nie stark genug, um den Gang ausreichend zu beleuchten. Dazu waren die Fackeln zu wenige und zu weit voneinander entfernt. Sie waren viel mehr kleine Inseln des Lichts in einem Ozean der Dunkelheit.
Doch je näher er dem Fuß der Treppe kam, umso deutlicher konnte Athyrrim dort unten ein rotes Glühen erkennen. Auch das metallene Hämmern wurde immer lauter. Endlich würde das Herumirren in der feuchten Dunkelheit ein Ende haben! Endlich würde er sich wieder ein wenig ausruhen können. Von diesem Gedanken angetrieben stieg Athyrrim die Treppen wieder schneller hinab, doch etwas anderes ließ ihn inne halten. Er hatte keine Ahnung, was genau ihn dort unten erwarten würde. Um die Schmiede in den Katakomben rankten sich alle möglichen Gerüchte um grausame oder äußerst unangenehme Rituale.
Der Weg zu den Schmieden hinab war der letzte Schritt während der langen Ausbildung. Erst wenige Stunden zuvor hatte man ihm gesagt, dass für ihn dieser Moment gekommen war. Er schloss die Augen.
 
Er saß wieder beim Frühstück in der Haupthalle. Ein Feuer prasselte im Kamin am Kopf des Saals, wo die Meister, die Lehrer und Leiter des Klosters ihre Tische hatten. Auf der anderen Seite befand sich der Haupteingang Moronds. Wer den Komplex betreten wollte, musste als erstes immer durch diese Halle. Natürlich gab es andere Ein- und Ausgänge, doch diese waren geheim und kaum jemand außer den Meistern kannte sie. Zu beiden Seiten des Saals gab es eine Vielzahl von Türen, durch die man in das Labyrinth aus Gängen gelangte, das sich durch die gesamte Festung zog.
Ein Diener kam an Athyrrims Tisch und teilte ihm mit, Vatharon, der Lehrmeister für Magie und Kommandant der Festung wolle ihn sprechen. Nachdem der Bote wieder gegangen war, beendete Athyrrim sein Frühstück, das ihm ohnehin nicht so recht schmeckte und machte sich auf den Weg zu den Gemächern des Meisters. Er erwartete, dass man ihn für den Mord an seinem Mitschüler bestrafen würde. Mord war zwar nicht unbedingt verboten, doch trotzdem sah man dergleichen alles andere als gerne. Es starben schon genug Schüler an den Wunden, die sie sich im Lauf der Jahre beim Training oder bei Übungen zuzogen. Hin und wieder wurde ihnen sogar die Aufgabe gestellt, andere Schüler zu töten. Aber es zu tun, ohne den Auftrag dazu bekommen zu haben, wurde meist hart bestraft. Dennoch hoffte Athyrrim, den Meister davon überzeugen zu können, dass er es aus Notwehr hatte tun müssen.
Als Athyrrim in das Gemach des Meisters eintrat, saß dieser an seinem Arbeitstisch und brütete über einem Stapel von Pergamentrollen, Briefen, Büchern und Landkarten. Sein Arbeitstisch und zwei dicke Säulen teilten den fensterlosen Raum in zwei Hälften: ein Eingangs- oder Empfangsbereich mit ein paar Stühlen, ansonsten aber eher spärlich eingerichtet. Hinter dem Tisch und den Säulen verwehrte ein dunkler Samtvorhang den Blick auf den Rest des Raumes. Vatharon selbst saß mit dem Rücken zu diesem Vorhang. Als Athyrrim eintrat, sah er nur kurz zu ihm auf und deutete ihm, sich zu setzen. Die Jahre hatten sein Gesicht gezeichnet. Falten und strenge Züge verliehen ihm ein unbarmherziges und äußerst herrisches Antlitz. Wer auch immer in seine granitgrauen Augen sah, wusste, dass er keinen Widerspruch dulden würde.
Zu Athyrrims Überraschung ging er kaum auf den toten Mitschüler ein. Er schien sich mehr dafür zu interessieren, dass der junge Assassine endlich Fortschritte in der komplexeren Magie machte. Zumindest in dieser einen Technik. Vier Jahre zuvor hatte er genau in diesem Raum damit begonnen, Athyrrim im Geheimen in dieser Technik zu unterweisen, als deutlich wurde, dass der junge Mann einer für Assassinen äußerst ungewöhnlichen Art des Tötens anhing: Er marschierte meist geradewegs auf sein Ziel zu und erschlug es im direkten Kampf – sofern es schnell genug blank zog, um sich überhaupt verteidigen zu können. Vatharon wusste, dass diese Vorgehensweise viele Risiken barg und Athyrrim einen Trumpf im Ärmel brauchte. Und nun endlich hatte er ihn zum ersten Mal erfolgreich in einem Kampf ausgespielt.
„Du bist so weit.“, sagte er schließlich. „Geh hinunter in die Schmieden. Es wird Zeit, dass du Waffen bekommst, die eines wahren Schattens würdig ist. Bleib dort, bis sie fertig sind.“
Er nahm eine kleine Pergamentrolle vom Tisch, reichte sie Athyrrim und entließ ihn mit einem Nicken.
 
Athyrrim öffnete die Augen wieder. Vatharon hatte ihm nichts weiter dazu gesagt, was ihn in der Tiefe erwarten würde. Das Schreiben war versiegelt und offenbar für jemanden in der Schmiede bestimmt. Er atmete tief durch und wagte sich die letzten Treppen hinunter. Vor ihm mündete die Treppe in eine große Höhle, die in eine Mischung aus dunklem rot glühendem Zwielicht und dichtem Rauch getaucht war. Lediglich der Eingang zur Treppe war gemauert, ansonsten sah der Raum eher wie ein Stollen aus, den man aus dem dunklen Stein geschlagen hatte. Vor sich konnte er nur schemenhaft ein paar Gegenstände sehen, die im Raum standen. Umrisse von Menschen schlugen auf Ambosse – das Hämmern war nun geradezu ohrenbetäubend.
Schritt für Schritt gelangte er tiefer in diese Höhle, die mehr an die Unterwelten und Höllen diverser Religionen als an eine Schmiede erinnerte. Er kam an gewaltigen Ambossen und langen Werkbänken vorbei, auf denen Zangen, Hämmer und viele andere Werkzeuge verteilt lagen. Funken stoben jedes Mal auf, wenn ein Hammer auf ein glühendes Stück Metall auftraf, Wasser zischte und eine Dampfwolke mischte sich unter den restlichen Qualm, wenn Stahl zum Abkühlen hinein getaucht wurde. An den Wänden pumpten Männer, deren muskelbepackte Körper mehr an Ochsen als an Menschen erinnerten, mit riesigen Blasebälgen Luft in Nischen, die man als Öfen verwendete. Mit jedem Luftstoß glühte es darin auf und alles um diese Öfen herum wurde für einen kurzen Moment in helleres rotes Licht getaucht. An anderen Stellen wiederum waren weitere Arbeiter damit beschäftigt, frisch hergestellte Waffen zu schärfen oder zu polieren.
Nach einer Weile wurde Athyrrim von dem Qualm und der pulsierenden Betriebsamkeit um ihn herum benommen. Ihm selbst schenkten die Schmiede kaum Beachtung. Gerade als er kehrt machen und diesen düsteren Ort verlassen wollte, sah nicht weit von ihm einer der Schmiede von seinem Amboss auf und musterte ihn skeptisch. Er war um einen ganzen Kopf größer als Athyrrim – und mindestens dreimal so breit. Seinen massigen Oberkörper bedeckte nur eine lange schwarze Schürze.
„Was für einer bist’n du?“, brüllte er über den Lärm hinweg, während er sich über seine schweißglänzende Glatze fuhr.
Stumm reichte Athyrrim ihm die Pergamentrolle.
„A-ha.“, antwortete der Schmied vollkommen emotionslos und ging mit der Rolle näher an eine der Ofennischen. Der junge Mann folgte ihm langsam. Die ganze Sache war ihm nicht geheuer. Was ihn nun wohl erwarten würde?
„A-ha.“, sagte der Schmied wieder, als er die Rolle zu Ende gelesen hatte. Mit einem Nicken deutete er Athyrrim, ihm zu folgen. Er führte ihn in einen Seitenstollen, der in einen anderen größeren Raum mündete. Anders als in der Schmiede war die Luft hier um vieles klarer. Auch die Hammerschläge und das Fauchen der Blasebälge hörte man gedämpfter. In die Wände dieser Höhle hatte man ebenfalls eine Vielzahl von langen Nischen geschlagen, doch statt Öfen waren hier Betten untergebracht. Immer mehrere übereinander. Fast alle waren belegt. Der Raum selbst war lediglich mit ein paar Tischen, Stühlen und Schränken ausgestattet. Hier und dort erhellten Kerzen auf Tischen und in Wandhaltern den Raum.
Der dicke Schmied führte ihn an eine der wenigen freien Nischen und deutete auf das Bett darin.
„Warte hier. Man holt dich, wenn wir so weit sind.“
Athyrrim nickte dankbar, schnallte seinen Schwertgürtel ab und wollte sich schon hinsetzen, als der Schmied auf das Schwert deutete.
„So ein’s?“
„Ich verstehe nicht ganz.“
„Willst du wieder so ein‘s?“
Der junge Mann blinzelte irritiert, nickte dann aber, um den Schmied nicht wütend zu machen. Dieser nickte und stapfte davon. Dankbar, sich endlich ausruhen zu können streckte Athyrrim sich auf seinem Bett aus und schloss die Augen. Der lange Abstieg in diese Unterwelt des Klosters hatte ihn viel Kraft gekostet. Nur wenige Herzschläge später schlief er bereits tief und fest.
 
Die Zeit verschwamm für Athyrrim. Die Höhle war ständig in das gleiche orange-rote Licht der ewig brennenden Öfen getaucht. An den Wänden tanzten die Schatten scheinbar unabhängig von der nie endenden Betriebsamkeit der Schmiede. Ob es Tag oder Nacht war, hatte hier keinerlei Bedeutung. Athyrrim jedoch hatte nicht sonderlich viel Zeit gehabt, sich an den Rhythmus der Schmiede zu gewöhnen. Kurz nach seiner Ankunft wurde er von dem Magier geholt, der hier unten die hohe Schmiedekunst mit Zauberei zu den berüchtigten Waffen des Ordens vereinte. Er hatte ihm nur wenig über diese Waffen oder ihre Herstellung erklärt.
Bereits mehrere Tage lang saß er nun schon auf dem Boden einer kleinen Seitenhöhle. Auch hier war eine Schmiede eingerichtet, allerdings nur mit einer einzigen Feuerstelle in der Mitte der Kammer. Einzig in diesem Raum entwich der Qualm einfach durch ein großes Loch in der Decke. Im Gegensatz zur Haupthalle, wo nebeneinander eine Vielzahl an Rüstungen und Waffen hergestellt wurden, würde man sich in dieser speziellen Kammer nur der Herstellung einer einzigen Waffe widmen: Athyrrims neuem Schwert.
Zu Beginn hatte man ihm eine Schale gereicht, aus der dichter weißer Qualm aufstieg. Er wusste nicht, um welche Substanz es sich dabei handelte, doch als der Magier ihn anwies, den Rauch einzuatmen, wagte er nicht zu zögern und nahm einen tiefen Zug. Beinahe sofort wuchsen die Schatten, die an den Wänden tanzten, bis sie zu einer ihn verschlingenden Dunkelheit verschmolzen. Von da an merkte Athyrrim nur noch am Rande, was um ihn herum geschah, geschweige denn, wie man seinem Unterarm einen kleinen Schnitt zufügte und sein Blut in eine leere Schale tropfen ließ. Eigenartigerweise kam es ihm so vor, als würde er selbst aus seinem Körper tropfen und sich in der Schale sammeln, nur um dann über einen rot glühenden Stahlklumpen gegossen zu werden. Athyrrim zuckte zusammen – oder zumindest kam es ihm so vor. Im Normalfall hätte die Hitze des Stahls einen vernichtenden Effekt auf Blut gehabt. Dies war jedoch nicht der Normalfall. Magie schützte ihn, und so konnte sein Bewusstsein langsam in dem Klumpen eindringen. Er wurde der Stahlklumpen. Nun spürte er sogar, dass er nicht nur ein einfacher Stahlklumpen war, sondern ein Stahlklumpen aus abwechselnd mehreren Schichten unterschiedlich harter Stahlsorten. Ein Schmied zog ihn aus der Feuerstelle, legte ihn auf einen Amboss und hämmerte auf ihn ein. Wieder und wieder sauste der Hammer auf den Stahl, der nun Athyrrims Geist beherbergte. Nach und nach wurde der Klotz dünner und länger. Dann schlug man eine Furche in seine Mitte, bog die Enden wieder zusammen, wand sie um einander bis sie wie eine lange Spirale aussahen und hämmerte darauf, bis wieder ein dicker Klumpen daraus wurde. Dann ging es zurück ins Feuer.
Wieder und wieder faltete, verdrehte und verbog man ihn, bis man ihn ein letztes Mal in die Länge hämmerte. Mit Hieben mal auf die eine Seite, mal auf die andere nahm er endlich die zweischneidige, spitz zulaufende Form einer Schwertklinge an.
Den nächsten Arbeitsschritt hätte er am Allerwenigsten erwartet. Erneut spürte Athyrrim die Hitze und wie sie ihn ganz allmählich zum Glühen brachte. Als er die Hitze kaum noch ertrug, nahm man ihn endlich aus den Flammen – und tauchte ihn ohne jegliche Vorwarnung in kaltes Öl. Wie sich bei seinem menschlichen Körper in solchen Fällen eine Gänsehaut bildete, spürte Athyrrim, wie sich in seiner Klinge alles zusammen zog.
Der Schmiedevorgang brachte Athyrrim an den Rand des Wahnsinns. Seinen eigenen Körper hatte er dank der Trance fast vollständig vergessen. Nun, als das Schwert erst an grobkörnigen und später immer feineren Steinen zurecht geschliffen, poliert und schließlich auch geschärft wurde, fand sein Geist wieder teilweise in seinen eigenen – seinen richtigen Körper zurück. Sein Kopf dröhnte, als wäre er und nicht sein Schwert-Ich auf dem Amboss gelegen und wieder und wieder mit dem Hammer bearbeitet worden. Ein wenig später spürte er noch einen anderen Schmerz, in seinem rechten Unterarm. Nur äußerst zaghaft und schwerfällig schaffte er es, die Augen zu öffnen und einen Blick auf die betroffene Stelle zu erhaschen. Der kleine Schnitt, den man ihm knapp unterhalb des Ellbogens zugefügt hatte, schien von selbst mit dem Schwert gemeinsam gewachsen zu sein und sich verästelt zu haben. Wie Flammen zogen die Wunden sich über die gesamte Innenseite des Unterarms bis zum Handgelenk. Ein Mann tupfte immer wieder Blut ab, machte jedoch keinerlei Anstalten, die Wunden sonst irgendwie zu behandeln. Beim Anblick dieser Wunde verkrampfte sich Athyrrims Magen. Er wusste nicht, wer ihm das angetan hat, oder warum er es getan hatte. Er wollte schreien, dem Mann befehlen, seine Wunde wirklich zu versorgen, doch er schien die Kontrolle über seinen Mund noch nicht wiedererlangt zu haben.
Der Mann hatte scheinbar bemekrt, dass Athyrrim die Augen geöffnet hatte und hielt ihm sofort wieder die Schale mit dem eigenartigen Qualm vors Gesicht. Das Empfinden seines Körpers fühlte sich immer gedämpfter an, immer fremder. Dafür spürte er nun deutlich, wie ein Stein die Schneiden seines Schwertes entlang gezogen wurde, wieder und wieder. Er spürte, wie es mit jedem Mal schärfer und gefährlicher wurde. Athyrrim wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war und es war ihm eigentlich auch egal. Er hoffte nur inständig, dass es bald vorbei sein würde.
Beinahe so als hätte der Schwertfeger Athyrrims Sehnen gehört, setzte das Schleifen plötzlich aus und man reichte ihn weiter. Nun wurde eine schlichte Parierstange angebracht, gefolgt von einem Griff aus Holz, der anschließend erst mit einem dünnen Draht und danach mit schwarzem Leder umwickelt wurde. Der Griff fühlte sich erst fremd an, wie Kleidung, wenn man sie nach einem langen Bad anzog, doch auch sie wurde bald ein Teil von ihm. Letztendlich wurde er noch mit einem kugelähnlichen Knauf vernietet, dessen Gravur abstrakt an Drachen oder Dämonen erinnerte.
Dieser letzte Schritt war für Athyrrim zwar am wenigsten unangenehm, aber auf Dauer trotzdem sehr ermüdend. Nach einiger Zeit kehrte sein Bewusstsein wieder in seinen Körper zurück, doch trotzdem fühlte er immer noch, was mit dem Schwert passierte. Als das Schwert endlich fertig zu sein schien, legte man ihm sanft aber bestimmt eine Hand auf die Schulter. Er öffnete die Augen. Man hatte sein Schwert auf einen kleinen lackierten Holztisch vor ihn gelegt.
„Nimm es!“, forderte ihn der hagere Magier auf, der ihn aus seiner Trance geweckt hatte. Athyrrim zögerte kurz. Ihm war schwindelig und er fühlte sich sehr schwach. Trotzdem streckte er schließlich seine Hand aus und musste feststellen, dass die flammenförmigen Schnitte über seinen gesamten Unterarm und sogar einen Teil seines Handrückens ausgebreitet hatten. Übelkeit stieg in ihm auf und er blickte zu dem Magier auf.
„Wart Ihr das?“
„Nein, das war dein Schwert. Jetzt nimm es schon!“
Der junge Assassine atmete ein paar Mal tief durch und schloss die Hand um das Heft. Die Klinge war ungewöhnlich dunkel, durch die graue Oberfläche zogen sich wie Adern schwarze Linien. Auch der lederne Griff war schwarz gehalten. Als er das Schwert vom Tisch heben wollte, protestierte sein geschundener Arm. Schmerzerfüllt und wütend biss Athyrrim die Zähne zusammen und knurrte. Der Magier wartete noch einen Moment und gab dem jungen Mann die nächste Anweisung: „Gut, jetzt ruf es zurück. In Gedanken. Lass es mit dir eins werden.“
Athyrrim sah skeptisch zu dem hageren Zauberer auf. Es klang absurd, aber er tat, was man ihm sagte. Ein kurzer Gedanke reichte und das Schwert löste sich in einer schwarzen Wolke auf, genauso wie er es selbst auf dem Übungsplatz getan hatte, doch diese Wolke verteilte sich nicht im Raum und raubte ihm auch nicht die Sicht. Stattdessen verdichtete sie sich und glitt in Sekundenbruchteilen auf seinen Unterarm zu, hüllte ihn ein und setzte sich in den flammenförmig verästelten Wunden ab, füllte sie aus und verschloss sie schließlich. Das war zu viel für Athyrrim. Schock und Erschöpfung ließen die Welt um ihn sich nach und nach verdunkeln.
Der Magier lächelte schwach. Er wandte sich zwei Gehilfen zu, die etwas abseits gewartet hatten.
„Bringt ihn in ein Bett und versorgt ihn. Ich sage Vatharon, dass der Junge überlebt hat.“


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