Prinzessin Andersrum und der Drache

Es war einmal ein Königreich des Wohlstands. Meist schien die Sonne, und Regen gab es nur, wenn er gebraucht wurde. Im ganzen Land herrschte Frieden, denn Monster und Bösewichte waren nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Werwölfe gab es nur noch als Bettvorleger, die Vampire hatten den Trend der veganen Ernährung nicht überlebt, die Hexen hatten einen Imagewandel vollzogen und waren Konditorinnen geworden. Verrückte Wissenschaftler fand man nur noch in geschlossenen Anstalten oder in Selbsthilfegruppen.
Allen im Reich ging es gut – viel zu gut. Denn von allen Schrecken befreit, hatte das Volk immer mehr Zeit, sich über Sachen wie Mitbestimmungsrecht oder Steuern Gedanken zu machen. Und das passte dem König wiederum gar nicht. Er fand nämlich, er habe es früher leichter gehabt. Eines Tages, als unter dem Balkon, wo er täglich gern seine Pfeife rauchte, besonders laut für einen neuen Blödsinn namens Rentenversicherung demonstriert wurde, platzte ihm endgültig der Kragen. Weiterlesen

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RdS – Kapitel IX: Nerevon

Raben waren die einzigen, die sich über die Flut freuten. Sechs Tage hatte es ununterbrochen geregnet, nein, gestürmt. Der viele Regen hatte Bäche zu reißenden Flüssen  anschwellen lassen, die alles mit sich rissen, was ihnen in den Weg kam: Bäume und Häuser, Menschen und Tiere. Noch vor einer Woche hätten sich vor ihren Augen endlose Felder erstreckt, die nur darauf warteten, zu Frühlingsbeginn von den Bauern bestellt zu werden. Wo das viele Wasser nicht in die stets wachsenden Flüsse abfließen konnte, staute es sich und verwandelte die Felder in einen einzigen großen Sumpf. In einen trügerischen noch dazu, denn an vielen Stellen ließ sich nur schwer erkennen, ob man einer scheinbar ruhigen Wasseroberfläche trauen durfte. Häufig drohte eine versteckte Strömung, Unvorsichtigen den Halt zu nehmen und sie in den nächsten Strom zu schwemmen. An anderen Stellen versank man nach und nach im Schlamm. Selbst die Luft hatte sich verändert. Obwohl der Regen aufgehört hatte, war die Luft so feucht, wie man es nur aus Geschichten aus dem fernen Süden kannte. Als würde dadurch das Atmen nicht schwierig genug, war da noch der Gestank nach Verwesung. Manche Tiere konnten sich auf Bäume oder höher gelegene Hügel retten. Aber viele hatten weniger Glück gehabt. Weiterlesen

Wenn der Fußball Rosen küsst

Für viele sind Schrebergärten ein Ort des Rückzugs, der Ruhe und des Friedens. Ein Ort, den sie nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu einem ganz persönlichen Garten Eden gestalten können. So war es auch lange Zeit für Frau Gerlinde Mayer. In den fünf Jahren seit ihrem Pensionsantritt hatte sie ihren Kleingarten samt Ferienhaus in ein kleines Paradies verwandelt. An der Südwand des Häuschens rankten Glyzinien und Efeu. In den Beeten entlang des Zauns rund um ihr kleines Reich zog sie auf der einen Seite Rosen, Tulpen und viele andere Blumen, auf der anderen baute sie ihr eigenes Gemüse an. Alles fein getrennt und geordnet. Auch den Rasen trimmte sie einmal die Woche. Für M gab es nichts schöneres, als am Abend gemütlich mit einer Tasse Tee an ihrem Gartentisch zu sitzen und die Veränderungen zu bewundern, die sie im Lauf des Tages vorgenommen hatte. Dann lehnte sie sich zurück und lauschte dem abendlichen Zirpen der Grillen.
Doch die Idylle sollte sich mit einem Schlag ändern. M untersuchte gerade mit einer Lupe die Rosen am westlichen Rand nach Läusen. Sie hatte sich zwar schon länger nicht mehr mit den kleinen Biestern herumschlagen müssen, doch Vorsicht war ihrer Meinung nach nun mal besser als Nachsicht. Sie hätte nicht tiefer in Gedanken versunken sein können, als plötzlich ein Ball vor ihr ins Rosenbeet knallte. Wie vom Blitz getroffen sprang sie zurück, stolperte und fand sich auf dem Rücken liegend im Gras wieder. Ihr eigener Aufschrei war ihr vor lauter Aufregung gar nicht aufgefallen. Weiterlesen

Das Schach-Prinzip

Ich träumte, ich ginge wieder zur Schule. Aber nicht irgendeine Schule, sondern eine ganz besondere. Die Klassen waren klein, die Lehrer geduldig. Nach Talenten und Begabungen wurde aktiv gesucht, um sie zu fördern und uns Kindern zu zeigen: „Darin seid ihr gut. Wirklich, wirklich gut.“ Natürlich gab es dann noch den gewöhnlichen Unterricht, wir lernten zu lesen, zu schreiben, zu rechnen, wie es in Fröschen aussieht und wie man einen im Werkunterricht angesägten Daumen verarztet.
Doch das mit Abstand beeindruckendste war die Eingangshalle, ein riesiges Schachbrett, auf dem einige wenige Figuren wild verteilt standen, wie in einem ewig andauernden Patt. Jede Figurenart war vertreten: Bauern, denen die jüngsten Schüler gerade einmal in die Augen sehen konnten, mannshohe Türme, Springer und Läufer und alles und jeden überragende Damen und Könige. An diesem gigantischen Schachbrett schien man nicht gespart zu haben. Die weißen Felder und Figuren waren aus reinem Marmor, die schwarzen aus purem Obsidian.
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Das Tagebuch des Anthony Borgins


Montag, 29. April 1732
Es war ein strahlend sonniger Tag, als ich im Hafen von Deptford, südöstlich von London ankam. Auf dem Gelände herrschte ebenjene rege Betriebsamkeit, die man in Häfen zu erwarten hatte: Kisten und Fässer wurden mit laufradbetriebenen Kränen auf Schiffe geladen, hier hämmerte jemand, woanders hörte man Sägen und blickte man sich weiter um, wurden Segel geflickt und Kommandos gebrüllt. Jeder auch nur halb verrückte Seemann fühlt sich hier beinahe mehr zuhause als im eigenen Bett. Weiterlesen

Change Prozesse am Beispiel des Films Invictus

Vorwort

Südafrika, 1994. Nelson Mandela gewinnt vier Jahre nach seiner Entlassung von Robben Island, wo er mehr als 20 Jahre als politischer Gefangener inhaftiert gewesen war, die Präsidentschaftswahlen. Die Meinungen darüber sind gespalten – von den Schwarzen wird er geliebt, die Weißen misstrauen ihm, fürchten Rache für die Apartheid. Eines von Mandelas wichtigsten Zielen ist es, die Kluft zwischen weißer Minderheit und schwarzer Mehrheit zu überwinden und die Wunden, die die Apartheid in den Seelen der Bevölkerung hinterlassen hat, zu heilen. Dazu bedient er sich unter anderem der vom Misserfolg gepeinigten Rugby-Nationalmannschaft Springboks, zu diesem Zeitpunkt noch Symbol der weißen Herrschaft und den Schwarzen ein Dorn im Auge. Mandela verhindert, dass die Mannschaft vollkommen umgestaltet und damit den Weißen entrissen wird. Er gibt dem Teamkapitän Francois Pienaar den Auftrag: Gewinnt die Weltmeisterschaft.

2010 kam Clint Eastwoods Film Invictus in unsere Kinos. Er entstand auf der Basis des Sachbuchs Der Sieg des Nelson Mandela: Wie aus Feinden Freunde wurden von John Carlin aus dem Jahr 2008.

Der Film ist besonders deshalb faszinierend, weil es darin um keinen Kampf Gut gegen Böse geht. Es muss kein übermächtiges Imperium bezwungen, kein Ring nach Mordor gebracht werden. Es geht darum, ein Trauma zu heilen, das über die Nation Südafrika hinausgeht, das die Menschheit seit Jahrtausenden heimsucht: Rassismus. Nicht in einem rein fiktiven Werk, sondern in einem Film, der auf wahren Begebenheiten beruht.

Ziel dieses Artikels ist es, die Erzählstruktur von Christopher Voglers Reise des Helden sowie das Organisationsentwicklungsmodell Die 7 Phasen von Veränderungsprozessen anhand mehrerer im Film (und damals auch in der Realität) verlaufenden Change Prozesse zu veranschaulichen.


Der Albtraum

Stell dir vor, du gehst eines Abends zu Bett, schläfst ein und findest dich auf einem nächtlichen Ozean wieder. Du blickst nach unten und erkennst: Du stehst mit nackten Füßen direkt auf der Wasseroberfläche. Und obwohl die Wellen auf und ab gehen, dich mehrere Meter heben und senken und die Gischt dir ins Gesicht spritzt, gehst du nicht unter. Du siehst dich um. Um dich herum erstreckt sich die wabernde, schwarze See, die nur schwach von einem wolkenverhangenen Vollmond beleuchtet wird. Letztlich entdeckst du in der Ferne die Umrisse einer Insel, die wie ein Berg aus dem Ozean ragt. Auf ihrem Gipfel steht ein Haus, das in gleißend helles, Rettung versprechendes Licht getaucht ist.
Du gehst darauf zu, erst langsam, dem unruhigen „Boden“ misstrauend, dann schneller, verzichtest aber – um das Gleichgewicht zu halten – darauf zu laufen. Nach einer Weile kommt es dir vor, als würde die See mit jedem weiteren Schritt ein wenig rauer. Du drosselst dein Tempo, wirst zwar hin und her geschleudert, gehst aber weiter – bis du plötzlich ein tiefes Knurren unter der Wasseroberfläche hörst.
Du blickst dich erneut um, erkennst zunächst nichts. Dann aber taucht gut zehn Meter zu deiner Rechten eine riesige, gerippte Rückenflosse auf und wieder unter. Du hältst zunächst inne, als dann jedoch die Geräusche näher kommen und auch lauter werden, rennst du los.
Wenig später schießt keine fünf Meter zu deiner Linken eine gewaltige Fontäne aus dem Wasser. Der Wal – es ist doch ein Wal? – folgt dir. Du beschleunigst, fällst ein paar Mal fast, fängst dich aber stets wieder. Die Insel kommt in immer greifbarere Nähe. Nun glaubst du sogar, im Mondlicht einen Strand zu erkennen. Land! Rettung! Du rennst so schnell du kannst, und bremst gerade noch rechtzeitig, als eine Schwanzflosse von der Größe eines Wagens vor dir aus dem Wasser schnellt, wieder hinab peitscht und dich unter Wasser reißt.
Der Sog schleudert dich herum. Aus oben wird unten, aus links wird rechts und ein gewisser Druck in der Lunge erinnert dich daran, dass du Luft zum Atmen brauchst.
Endlich entdeckst du eine leuchtende Kugel in der Ferne – der Mond! Du paddelst und strampelst nach Leibeskräften, dem Mond, der Luft entgegen, als plötzlich rings um dich Blasen aufsteigen. Du blickst nach unten und siehst gerade noch, wie ein riesiges offenes Maul auf dich zu schnellt.
Es schnappt zu. Du wirst in absolute Dunkelheit gehüllt. Und die Luft wird knapp.


Und dann? Wie soll die Geschichte für euch weitergehen? Oder enden? Schreibt mir eure Fortsetzungen in die Kommentare!

Liebe Leser!

Es freut mich außerordentlich, dass ihr so zahlreich Teil hattet an der allesübertönenden … Stille. Ja, es war ruhig hier das erste Viertel von 2015. Viel zu ruhig. Hier zum Warum: Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, da habe ich mir in den Kopf gesetzt, ich wolle unbedingt meinen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu Ende bringen. Damals waren noch zwölf Prüfungen übrig und die Deadline meiner zweiten Bakk-Arbeit rückte näher und näher. Die Arbeit ist inzwischen abgegeben; von den Prüfungen stehen die letzten drei vor der Tür. Besonders die letzten Prüfungen haben mich ziemlich geplagt. Der März war für mich als Student die Hölle. Für mich als Mensch war’s auch nicht leicht. Für mich als Autor, als Geschichtenerzähler hingegen …
Ich kriege am laufenden Band Signale, dass genau das der richtige Weg für mich ist. Am 21. März hatte ich die Ehre, beim Open Stage Event des Vindragona Festivals für Phantastik zwei meiner Texte vorzutragen – erst Ich bin Autor, danach Der gute Geist in der Damentoilette.
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