Prinzessin Andersrum und der Drache

Es war einmal ein Königreich des Wohlstands. Meist schien die Sonne, und Regen gab es nur, wenn er gebraucht wurde. Im ganzen Land herrschte Frieden, denn Monster und Bösewichte waren nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Werwölfe gab es nur noch als Bettvorleger, die Vampire hatten den Trend der veganen Ernährung nicht überlebt, die Hexen hatten einen Imagewandel vollzogen und waren Konditorinnen geworden. Verrückte Wissenschaftler fand man nur noch in geschlossenen Anstalten oder in Selbsthilfegruppen.
Allen im Reich ging es gut – viel zu gut. Denn von allen Schrecken befreit, hatte das Volk immer mehr Zeit, sich über Sachen wie Mitbestimmungsrecht oder Steuern Gedanken zu machen. Und das passte dem König wiederum gar nicht. Er fand nämlich, er habe es früher leichter gehabt. Eines Tages, als unter dem Balkon, wo er täglich gern seine Pfeife rauchte, besonders laut für einen neuen Blödsinn namens Rentenversicherung demonstriert wurde, platzte ihm endgültig der Kragen.
Die Demonstranten verhaften lassen konnte er nicht, so gern er das auch getan hätte. So etwas gehörte sich einerseits nicht und würde andererseits nur zu noch mehr Problemen führen. Aber der König war ein gerissener Mann. Er brauchte nicht lange, um zu verstehen: Der Mensch braucht Chaos. Mit gut gesitteter Ordnung hält er es nicht lange aus. Früher gab es genug Chaos, da brauchten seine Untertanen nicht noch danach zu suchen. Also musste er sich nur darum kümmern, dass sie sich wieder um etwas Vernünftiges sorgen konnten. Ein neues, möglichst robustes und langlebiges Monster musste her: Ein Drache – oder genauer gesagt der letzte aller Drachen, der im Kerker des Ritters Titanius von Lattenrost sein Dasein fristete. Wie genau der Ritter das Biest hatte einsperren können, wusste keiner, aber der Ritter verdiente sich ein goldenes Helmvisier damit, es gegen Eintritt jedem zu zeigen, der den Drachen sehen wollte – und dafür bezahlen konnte.
Ihn zu überreden, seine Attraktion auf das Volk loszulassen, würde sicher schwierig, hatte er doch eigentlich geschworen, das Volk zu beschützen. Also vertraute der König die Aufgabe gleich seinem begabtesten Herold Leonard Honigzunge an. Drei Tage und drei Nächte war Honigzunge weg – und dann noch einmal drei Tage und drei Nächte, bis er mit der Antwort des Ritters zurückkehrte:
„Mit Verlaub, Majestät,“ ließ dieser ausrichten, „habt Ihr sie noch alle?“
Der König brüllte und schnaubte vor Wut; später erzählte man sich unter der Dienerschaft, ihm sei sogar Rauch aus den Ohren gestiegen. So eine freche Antwort hatte er im Leben nicht erwartet. Noch am gleichen Tag entsandte er die drei besten und loyalsten Ritter seines Hofs; sie mögen ihm den Drachen und Titanius Kopf bringen.
Die drei Recken waren sogar drei Tage und drei Nächte länger weg als Honigzunge, bis sie wieder kamen; zu zweit, die Schilde so von Pfeilen gespickt, dass ein Riese sie für Nadelkissen gehalten hätte. Nicht dass zu diesem Zeitpunkt jemand im Reich einen Riesen zur Hand gehabt hätte.
„Drei schickte ich und nur zwei kehren wieder? Ohne Drachen?“
„Kein Drache, Herr, aber wir flohen zu dritt vor seinen Schützen.“
„Und wo ist dann euer Dritter geblieben? Archibald von Langenschanz, richtig?“
„Ja, Herr … am zweiten Abend unserer Fluch- äh … unserer Heimreise mussten wir ihn zurücklassen. Er hat sich einen Wolf-“
„Ein Wolf?“, rief der König begeistert. „In unseren Wäldern gibt es wieder Wölfe? Am Ende gar Werwölfe? Wir sind gerettet!“
„Äh, nein, Herr, keine Wölfe. Archibald hat sich einen Wolf … nun … geritten. Er ist ganz wund, wenn Ihr versteht.“ Der Ritter wies mit den Augen vielsagend nach unten.
Vollkommen entmutigt sackte der König auf seinem Thron zusammen. Kein Wort war ihm noch zu entlocken, doch in seinem Kopf brodelte und dampfte es bis spät in die Nacht, als ihn Ritter und Diener längst allein gelassen hatten. Auch am nächsten Tag grübelte er noch, und am übernächsten. Der Reihe nach sahen seine Töchter nach ihm, erst seine Älteste Einwandfrei, später Geraderecht und zuletzt seine jüngste Tochter Andersrum. Keiner sah er auch nur in die Augen, aber anders als ihre Schwestern gab Andersrum sich damit nicht zufrieden. Also fragte sie die beiden heimgekehrten Ritter und später auch Honigzunge, was denn los sei.
Er will also unbedingt diesen Drachen. Nun gut, er soll ihn haben, dachte sie sich und nur wenig später hatte sie sich einen Plan ausgedacht.
Drei Tage, zwei Nächte und eine Mautkontrolle später wurde der Wächter der Zugbrücke von Burg Lattenrost von lautem Dröhnen aus dem Schlaf gerissen. Auf der anderen Seite des Burggrabens stieß der Lenker einer großen, luxuriösen Kutsche immer wieder ungeduldig ins Horn. Es dauerte nicht lange, bis die Kutsche schließlich unter Beobachtung vieler neugieriger Augen in den großen Hof der Burg einfuhr. Die Tür schwang auf und aus dem Gefährt stiegen – zwei Engeln gleich – die Prinzessinnen Einwandfrei und Geraderecht, begleitet von einer schlicht gekleideten Zofe.
„Wenn Ihr wollt, dass ich den Drachen freilasse, könnt Ihr gleich wieder zu Eurem König zurückfahren!“, donnerte es ihnen von den Türen des Bergfrieds entgegen. Doch die Prinzessinnen machten keinerlei Anstalten, umzukehren. Im Gegenteil, sie schritten bestimmt, mit leichtem Kichern und mit der Zofe im Schlepptau auf Ritter Titanius von Lattenrost zu.
„Nein nein, wo denkt Ihr hin!“, entgegnete ihm Einwandfrei, sobald sie nahe genug war, um nicht mehr rufen zu müssen – denn zu Hofe geziemte es sich nicht, herumzurufen. „Wir sind hier, um uns für unseren Vater zu entschuldigen. Er hat so eigenartige Ideen in letzter Zeit.“ Und eh er sich versah, hatten sich die Prinzessinnen bei dem Ritter eingehakt und lenkten ihn tratschend, flirtend und ab und zu kichernd zur Speisehalle. Erst nach Einbruch der Dunkelheit ging die Tür der Kutsche ein weiteres Mal auf. Leise wie eine Katze auf der Pirsch schlich Prinzessin Andersrum mit einem geschulterten Sack über den Burghof und stahl sich durch die nur allzu klischeehafte, mit Eisen verstärkte Tür, die zum Kerker führte.
Lange brauchte sie nicht zu suchen – gebot doch die Logik, dass der Drache im tiefsten Verlies des tiefsten Kerkers gefangen gehalten wurde. Dass an jeder Ecke Schilder mit Wegangaben und Eintrittspreisen angebracht waren, ignorierte die Prinzessin der Epik zuliebe. Vorbei schlich sie an Zellen voll mit eigenartigen Menschen, Tieren und anderem, darunter ein Frosch, der nie müde wurde, zu beteuern, er sei ein Prinz. Als sie um die letzte Ecke spähte, sah sie ihn endlich. Der Drache lag eingerollt wie eine gigantische Schlange in seiner vergitterten Höhle. Davor saß lediglich ein einziger Wachmann an einem Tisch. Zwar schien er in ein einsames Kartenspiel vertieft zu sein, aber Andersrum bezweifelte, den Drachen stehlen zu können, ohne dass er es bemerkte. Nur gut, dass sie sich auf derlei vorbereitet hatte. Sie kramte ein wenig in ihrem Sack herum, schob einen Satz Dietriche, eine Feile und anderes Einbrecherwerkzeug zur Seite, ehe sie einen Flachmann und ein Nudelholz hervor holte und beide Gegenstände sorgfältig in den Händen wog. Sollte sie den Wächter einfach nur K.O. schlagen oder sollte sie ihn bezirzen, verführen und so betrunken machen, dass er einschlief? Immerhin hatte sie dergleichen bei ihren Schwestern oft genug beobachten können, wenn es darum ging, abends aus dem Schloss zu schleichen und die Tavernen unsicher zu machen. Nach einigem Für und Wider entschied sie sich für die weniger schmerzhafte Variante – der Wachmann sah das Nudelholz nicht einmal kommen.
Dafür schien der Drache das laute „Klonk“ gehört zu haben, das entsteht, wenn ein Nudelholz auf einen Stahlhelm trifft, denn langsam, geradezu schlaftrunken hob er den Kopf. Andersrum war alles andere als eine leicht zu ängstigende Prinzessin, aber jetzt schlug ihr Herz doch deutlich schneller.
„Nur die Ruhe. Ganz ruhig. Dir passiert nichts.“, sprach sie, bemüht ihre aufkeimende Panik zu vertreiben. Halb zu sich selbst, halb zum Drachen, der den Kopf schief legte. Erstaunt machte Andersrum einen weiteren Schritt auf das Gitter zu. „Kannst du mich etwa verstehen?“, fragte sie, nicht sicher, ob sie überhaupt mit einer Antwort rechnen sollte.
„Oi … noch eine Touristin, die denkt, Drachen können nur Feuerspeien und Jungfrauen fressen.“
„Äh.“
„Schön, gaff‘ ein wenig und dann verzieh dich wieder!“, fauchte der Drache sie an.
„Äh.“
„Äh was?“
„Ich … bin eigentlich hier … nun … um dich zu retten.“, erklärte die Prinzessin zögerlich.
„Retten?“ Der Drache drehte den Kopf und studierte eine der vielen Tafeln, auf denen die Eintrittspreise standen. Letztlich wandte er sich wieder der Prinzessin zu und sie glaubte, in dem langen, schuppigen Gesicht etwas wie Verwunderung zu erkennen.
„Das ist neu.“, murmelte er. Doch er schien neugieriger zu werden: „Mal angenommen, ich käme mit … was dann?“
„Dann bist du frei!“
„Und das willst du, weil …?“
„Äh.“, sie überlegte fieberhaft nach Antworten, hatte aber ihren Vater nie gefragt, warum dieser eigentlich so dringend Lattenrosts Drachen braucht. Zum Glück wurde im gleichen Moment weit hinter ihr die Tür zum Kerker aufgestoßen, von jemandem, der es offensichtlich nicht für nötig hielt, zu schleichen. „Können wir das klären, wenn wir hier raus sind?“
Der Drache überlegte. Und überlegte. Und während er überlegte, veränderte sich das Geräusch der näherkommenden Schritte immer mehr von einer Rettung vor ungünstigen Fragen zu einer neuen Bedrohung. Endlich, als der Träger der lauten Stiefel nur noch eine Biegung entfernt sein konnte, nickte der Drache. „Schön. Ein bisschen Frischluft kann nicht schaden. Aber …“, sie spürte den durchdringenden Blick des Drachen auf sich, „… du hältst mir da draußen die ganzen Irren vom Hals. Glücksritter und so weiter.“
„Gut, mache ich.“, stimmte sie zu und begann, wieder ihren Sack zu durchwühlen. Dieses Mal nach dem Dietrich, um das Schloss des Drachengeheges zu öffnen. Vollkommen umsonst. Ein kleiner Schups des Drachen reichte, um das Gitter aus der Wand zu reißen und laut scheppernd auf dem klammen Boden aufschlagen zu lassen. Ehe sie sich versah, schoss der Drache auf seinen starken Hinterbeinen und den gefalteten Schwingen, die er auf dem Boden als Vorderbeine benutzte, auf sie zu. Sie konnte gerade noch eine seiner Rückenschuppen zu fassen kriegen und sich hochziehen, denn der Drache nahm weiter an Geschwindigkeit zu, schoss um die Ecke und hätte dabei fast die Neuankömmlinge platt gewalzt. Ritter Lattenrost, Andersrums Schwestern und die Zofe, die wirklich nur eine Zofe war, konnten gerade noch in eine leere Zelle ausweichen. Die verstärkte Tür, die den Kerker vom Burghof trennte, teilte das gleiche Schicksal wie das Gitter der Drachenhöhle und ehe Prinzessin Andersrum wusste, wie ihr geschah, waren sie in der Luft. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und je höher sie kamen, umso kälter wurde es. Am meisten machte ihr jedoch der Blick nach unten zu schaffen. Sie flogen nicht lange, denn der Drache steuerte den Gipfel eines nahen Hügels an, landete darauf und sog lautstark, geradezu gierig die frische Nachtluft ein.
Andersrum rutschte vom Rücken des Drachen und bemerkte erst jetzt, als sie ihre Beine wieder belastete, wie sehr diese zitterten. Nie hatte sie sich das Fliegen so vorgestellt, nie mit der Kälte und dem Lärm gerechnet, die mit der Höhe und dem Wind kamen. Doch trotzdem … sie war gerade geflogen. Wirklich geflogen. Und sie bemerkte, dass sie es zwar fürchtete, aber irgendwie doch auch liebte. Vor all der Aufregung ging sie – sobald sie sicher war, dass ihre Beine sie auch wirklich trugen – vor dem Drachen auf und ab, doch dessen Aufmerksamkeit war ganz dem wolkenlosen Sternenhimmel gewidmet. Anders als im Kerker von Ritter Lattenrost wirkte er nun friedlich, beinahe sogar freundlich. Dann aber kam der Prinzessin ein Gedanke, der sie nicht wieder losließ.
„Sag, Drache …“
„Theobald.“, unterbrach er sie, ohne dabei seinen Blick zu senken.
„Was?“
„Mein Name ist Theobald.“
„Oh. Ich … ich hätte nie gedacht, dass Drachen solche Namen haben.“
Den Drachen Theobald schien ihr Einwand nicht zu stören. Nach ein paar Momenten des Schweigens versuchte sie es erneut: „Theobald … du hättest jederzeit ausbrechen können …“
„Und du willst wissen, warum ich erst heute Abend gegangen bin?“
„Ja. Bitte.“
Theobald legte seinen gewaltigen Kopf vor Prinzessin Andersrum auf den Boden und musterte sie, ehe er antwortete: „Sag, wie viele Drachen gibt es noch?“
„Keine, von denen wir wissen. Es wurden alle – oh!“
„Titanius hat mich nicht gefangen gehalten, er hat mich beschützt. Vor allen möglichen Leuten, die uns Drachen hassen.“
„Und warum bist du dann heute … gegangen?“
„Du bist die Dritte, die der König nach mir schickt. Und wenn er dabei schon seine Töchter schickt, wird er wohl nie Ruhe geben.“
„Du weißt, wer ich bin?“
„Eine Prinzessin. Alles an dir schreit es laut hinaus. Aber deinen Namen … den kenne ich nicht.“
„Andersrum.“
Der Drache brummte mehrmals kurz. Es dauerte ein wenig, bis die Prinzessin das Brummen als Lachen erkannte. „Und du findest meinen Namen komisch.“
Andersrum spürte, dass sie rot anlief und änderte kurzerhand das Thema: „Kommst du nun also mit zu meinem Vater?“
„Nein.“
„Wieso nicht?“
„Weil ich sein Volk nicht tyrannisieren will, nur damit sie ihn mit ihren Wünschen in Ruhe lassen.“
„Er will … du sollst … was?!“
„Du wusstest es nicht?“
Andersrum schüttelte den Kopf. Auf einmal bekam sie Mitleid. Sowohl mit dem Volk, als auch mit diesem so missverstandenen Geschöpf vor ihr. Nun stiegen ihr auch noch Tränen in die Augen, doch bevor sie wirklich weinen musste, kam ihr eine Idee. Und so wandte sie sich erneut dem Drachen zu und fragte mit verunsicherter Stimme: „Kannst du nicht doch mitkommen?“
„Ich sagte doch, ich will deinem Vater nicht helfen.“
„Nein, nicht dazu. Ich will, dass du mir hilfst, ihn zu überreden, nachzugeben. Er arbeitet ohnehin zu viel, da würde es gar nicht so viel machen, wenn das Volk mitbestimmen darf. Vielleicht gefällt es ihm ja sogar.“
Und so kehrten sie zu Burg Lattenrost zurück und verbrachten nach wiederholten Entschuldigungen die Nacht damit, einen Plan zu schmieden. Titanius sollte dabei helfen, dass die Verhandlungen mit den Bauern und Städtern des Reichs friedlich und möglichst ohne Proteste unter dem Balkon abliefen. Und wenn der König erst einmal wieder in Ruhe seine Pfeife genießen konnte, würden Andersrum, ihre Schwestern und der Drache auch vernünftiger mit ihm reden können. Wenige Tage später setzten sie ihren Plan in die Tat um. Der König zeigte zwar anfangs nur wenig Begeisterung, sah aber ein, dass er (mangels Monster) dem Volk früher oder später nachgeben musste. Es dauerte nicht lange, bis die konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde und erste Wahlen stattfanden. Nach und nach konnte der König sogar den Vorteil darin erkennen, denn die gewählte Regierung nahm ihm immer mehr lästige Aufgaben ab und so konnte er mehr Zeit angenehmeren Dingen widmen.
Theobald wurde unter Artenschutz gestellt und verbrachte viel Zeit damit, gemeinsam mit Prinzessin Andersrum durch die Welt zu fliegen und Abenteuer zu erleben. Und wenn sie nicht gestorben sind, …


Vor Jahren als Scherz begonnen.
Hängen geblieben.
Nun als Geburtstagsgeschenk fertiggestellt,
für die wundervolle Alina.
Nochmal alles Gute!
Lass dich nie unterkriegen,
nicht von Rittern, nicht von Wachen,
nicht von Königen, nicht von Drachen.
Hab stattdessen lieber viel zu lachen.

RdS – Kapitel IX: Nerevon

Raben waren die einzigen, die sich über die Flut freuten. Sechs Tage hatte es ununterbrochen geregnet, nein, gestürmt. Der viele Regen hatte Bäche zu reißenden Flüssen  anschwellen lassen, die alles mit sich rissen, was ihnen in den Weg kam: Bäume und Häuser, Menschen und Tiere. Noch vor einer Woche hätten sich vor ihren Augen endlose Felder erstreckt, die nur darauf warteten, zu Frühlingsbeginn von den Bauern bestellt zu werden. Wo das viele Wasser nicht in die stets wachsenden Flüsse abfließen konnte, staute es sich und verwandelte die Felder in einen einzigen großen Sumpf. In einen trügerischen noch dazu, denn an vielen Stellen ließ sich nur schwer erkennen, ob man einer scheinbar ruhigen Wasseroberfläche trauen durfte. Häufig drohte eine versteckte Strömung, Unvorsichtigen den Halt zu nehmen und sie in den nächsten Strom zu schwemmen. An anderen Stellen versank man nach und nach im Schlamm. Selbst die Luft hatte sich verändert. Obwohl der Regen aufgehört hatte, war die Luft so feucht, wie man es nur aus Geschichten aus dem fernen Süden kannte. Als würde dadurch das Atmen nicht schwierig genug, war da noch der Gestank nach Verwesung. Manche Tiere konnten sich auf Bäume oder höher gelegene Hügel retten. Aber viele hatten weniger Glück gehabt. Weiterlesen

Wenn der Fußball Rosen küsst

Für viele sind Schrebergärten ein Ort des Rückzugs, der Ruhe und des Friedens. Ein Ort, den sie nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen zu einem ganz persönlichen Garten Eden gestalten können. So war es auch lange Zeit für Frau Gerlinde Mayer. In den fünf Jahren seit ihrem Pensionsantritt hatte sie ihren Kleingarten samt Ferienhaus in ein kleines Paradies verwandelt. An der Südwand des Häuschens rankten Glyzinien und Efeu. In den Beeten entlang des Zauns rund um ihr kleines Reich zog sie auf der einen Seite Rosen, Tulpen und viele andere Blumen, auf der anderen baute sie ihr eigenes Gemüse an. Alles fein getrennt und geordnet. Auch den Rasen trimmte sie einmal die Woche. Für M gab es nichts schöneres, als am Abend gemütlich mit einer Tasse Tee an ihrem Gartentisch zu sitzen und die Veränderungen zu bewundern, die sie im Lauf des Tages vorgenommen hatte. Dann lehnte sie sich zurück und lauschte dem abendlichen Zirpen der Grillen.
Doch die Idylle sollte sich mit einem Schlag ändern. M untersuchte gerade mit einer Lupe die Rosen am westlichen Rand nach Läusen. Sie hatte sich zwar schon länger nicht mehr mit den kleinen Biestern herumschlagen müssen, doch Vorsicht war ihrer Meinung nach nun mal besser als Nachsicht. Sie hätte nicht tiefer in Gedanken versunken sein können, als plötzlich ein Ball vor ihr ins Rosenbeet knallte. Wie vom Blitz getroffen sprang sie zurück, stolperte und fand sich auf dem Rücken liegend im Gras wieder. Ihr eigener Aufschrei war ihr vor lauter Aufregung gar nicht aufgefallen. Weiterlesen

Das Schach-Prinzip

Ich träumte, ich ginge wieder zur Schule. Aber nicht irgendeine Schule, sondern eine ganz besondere. Die Klassen waren klein, die Lehrer geduldig. Nach Talenten und Begabungen wurde aktiv gesucht, um sie zu fördern und uns Kindern zu zeigen: „Darin seid ihr gut. Wirklich, wirklich gut.“ Natürlich gab es dann noch den gewöhnlichen Unterricht, wir lernten zu lesen, zu schreiben, zu rechnen, wie es in Fröschen aussieht und wie man einen im Werkunterricht angesägten Daumen verarztet.
Doch das mit Abstand beeindruckendste war die Eingangshalle, ein riesiges Schachbrett, auf dem einige wenige Figuren wild verteilt standen, wie in einem ewig andauernden Patt. Jede Figurenart war vertreten: Bauern, denen die jüngsten Schüler gerade einmal in die Augen sehen konnten, mannshohe Türme, Springer und Läufer und alles und jeden überragende Damen und Könige. An diesem gigantischen Schachbrett schien man nicht gespart zu haben. Die weißen Felder und Figuren waren aus reinem Marmor, die schwarzen aus purem Obsidian.
Weiterlesen

Das Tagebuch des Anthony Borgins


Montag, 29. April 1732
Es war ein strahlend sonniger Tag, als ich im Hafen von Deptford, südöstlich von London ankam. Auf dem Gelände herrschte ebenjene rege Betriebsamkeit, die man in Häfen zu erwarten hatte: Kisten und Fässer wurden mit laufradbetriebenen Kränen auf Schiffe geladen, hier hämmerte jemand, woanders hörte man Sägen und blickte man sich weiter um, wurden Segel geflickt und Kommandos gebrüllt. Jeder auch nur halb verrückte Seemann fühlt sich hier beinahe mehr zuhause als im eigenen Bett. Weiterlesen

Change Prozesse am Beispiel des Films Invictus

Vorwort

Südafrika, 1994. Nelson Mandela gewinnt vier Jahre nach seiner Entlassung von Robben Island, wo er mehr als 20 Jahre als politischer Gefangener inhaftiert gewesen war, die Präsidentschaftswahlen. Die Meinungen darüber sind gespalten – von den Schwarzen wird er geliebt, die Weißen misstrauen ihm, fürchten Rache für die Apartheid. Eines von Mandelas wichtigsten Zielen ist es, die Kluft zwischen weißer Minderheit und schwarzer Mehrheit zu überwinden und die Wunden, die die Apartheid in den Seelen der Bevölkerung hinterlassen hat, zu heilen. Dazu bedient er sich unter anderem der vom Misserfolg gepeinigten Rugby-Nationalmannschaft Springboks, zu diesem Zeitpunkt noch Symbol der weißen Herrschaft und den Schwarzen ein Dorn im Auge. Mandela verhindert, dass die Mannschaft vollkommen umgestaltet und damit den Weißen entrissen wird. Er gibt dem Teamkapitän Francois Pienaar den Auftrag: Gewinnt die Weltmeisterschaft.

2010 kam Clint Eastwoods Film Invictus in unsere Kinos. Er entstand auf der Basis des Sachbuchs Der Sieg des Nelson Mandela: Wie aus Feinden Freunde wurden von John Carlin aus dem Jahr 2008.

Der Film ist besonders deshalb faszinierend, weil es darin um keinen Kampf Gut gegen Böse geht. Es muss kein übermächtiges Imperium bezwungen, kein Ring nach Mordor gebracht werden. Es geht darum, ein Trauma zu heilen, das über die Nation Südafrika hinausgeht, das die Menschheit seit Jahrtausenden heimsucht: Rassismus. Nicht in einem rein fiktiven Werk, sondern in einem Film, der auf wahren Begebenheiten beruht.

Ziel dieses Artikels ist es, die Erzählstruktur von Christopher Voglers Reise des Helden sowie das Organisationsentwicklungsmodell Die 7 Phasen von Veränderungsprozessen anhand mehrerer im Film (und damals auch in der Realität) verlaufenden Change Prozesse zu veranschaulichen.


Der Albtraum

Stell dir vor, du gehst eines Abends zu Bett, schläfst ein und findest dich auf einem nächtlichen Ozean wieder. Du blickst nach unten und erkennst: Du stehst mit nackten Füßen direkt auf der Wasseroberfläche. Und obwohl die Wellen auf und ab gehen, dich mehrere Meter heben und senken und die Gischt dir ins Gesicht spritzt, gehst du nicht unter. Du siehst dich um. Um dich herum erstreckt sich die wabernde, schwarze See, die nur schwach von einem wolkenverhangenen Vollmond beleuchtet wird. Letztlich entdeckst du in der Ferne die Umrisse einer Insel, die wie ein Berg aus dem Ozean ragt. Auf ihrem Gipfel steht ein Haus, das in gleißend helles, Rettung versprechendes Licht getaucht ist.
Du gehst darauf zu, erst langsam, dem unruhigen „Boden“ misstrauend, dann schneller, verzichtest aber – um das Gleichgewicht zu halten – darauf zu laufen. Nach einer Weile kommt es dir vor, als würde die See mit jedem weiteren Schritt ein wenig rauer. Du drosselst dein Tempo, wirst zwar hin und her geschleudert, gehst aber weiter – bis du plötzlich ein tiefes Knurren unter der Wasseroberfläche hörst.
Du blickst dich erneut um, erkennst zunächst nichts. Dann aber taucht gut zehn Meter zu deiner Rechten eine riesige, gerippte Rückenflosse auf und wieder unter. Du hältst zunächst inne, als dann jedoch die Geräusche näher kommen und auch lauter werden, rennst du los.
Wenig später schießt keine fünf Meter zu deiner Linken eine gewaltige Fontäne aus dem Wasser. Der Wal – es ist doch ein Wal? – folgt dir. Du beschleunigst, fällst ein paar Mal fast, fängst dich aber stets wieder. Die Insel kommt in immer greifbarere Nähe. Nun glaubst du sogar, im Mondlicht einen Strand zu erkennen. Land! Rettung! Du rennst so schnell du kannst, und bremst gerade noch rechtzeitig, als eine Schwanzflosse von der Größe eines Wagens vor dir aus dem Wasser schnellt, wieder hinab peitscht und dich unter Wasser reißt.
Der Sog schleudert dich herum. Aus oben wird unten, aus links wird rechts und ein gewisser Druck in der Lunge erinnert dich daran, dass du Luft zum Atmen brauchst.
Endlich entdeckst du eine leuchtende Kugel in der Ferne – der Mond! Du paddelst und strampelst nach Leibeskräften, dem Mond, der Luft entgegen, als plötzlich rings um dich Blasen aufsteigen. Du blickst nach unten und siehst gerade noch, wie ein riesiges offenes Maul auf dich zu schnellt.
Es schnappt zu. Du wirst in absolute Dunkelheit gehüllt. Und die Luft wird knapp.


Und dann? Wie soll die Geschichte für euch weitergehen? Oder enden? Schreibt mir eure Fortsetzungen in die Kommentare!

Liebe Leser!

Es freut mich außerordentlich, dass ihr so zahlreich Teil hattet an der allesübertönenden … Stille. Ja, es war ruhig hier das erste Viertel von 2015. Viel zu ruhig. Hier zum Warum: Es ist noch nicht ganz ein Jahr her, da habe ich mir in den Kopf gesetzt, ich wolle unbedingt meinen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu Ende bringen. Damals waren noch zwölf Prüfungen übrig und die Deadline meiner zweiten Bakk-Arbeit rückte näher und näher. Die Arbeit ist inzwischen abgegeben; von den Prüfungen stehen die letzten drei vor der Tür. Besonders die letzten Prüfungen haben mich ziemlich geplagt. Der März war für mich als Student die Hölle. Für mich als Mensch war’s auch nicht leicht. Für mich als Autor, als Geschichtenerzähler hingegen …
Ich kriege am laufenden Band Signale, dass genau das der richtige Weg für mich ist. Am 21. März hatte ich die Ehre, beim Open Stage Event des Vindragona Festivals für Phantastik zwei meiner Texte vorzutragen – erst Ich bin Autor, danach Der gute Geist in der Damentoilette.
Weiterlesen