RdS – Kapitel VI: Garve

Mit der Abenddämmerung kamen die Krähen. Als wären die Wolken nicht schon genug. Garve warf einen Blick zum Himmel und brummte missmutig – es sah nach Sturm aus. Wie soll’s auch sonst sein? Diese Berge sind böse. Ich habe es Cydnar hundertmal gesagt. Trotzdem hat er uns hergeführt, nur weil ihm irgendein Narr etwas von Gold und Edelsteinen erzählt hatte, die in den Eswynn-Bergen auf jemanden warteten, dem die Geschichten egal sein würden. Jemanden wie Cydnar.
Bisher hatte er zumindest teilweise Recht behalten: Sie waren keinen Schatten, Drachen oder sonst welchen Monstern über den Weg gelaufen. Nur Bauern – aber Gold hatten die nicht. Ein Fass Most hatten sie im letzten Dorf gefunden, aber keine Schätze und auch keinen, der ihnen von welchen erzählte. Also hatte Cydnar sie brennen lassen, und seine Gruppe war weitergezogen. Zu dieser kleinen Hütte auf einer Waldlichtung abseits der Straße. Für die Nacht würden sie hier trocken und sicher sein – im Gegensatz zu deren Besitzerin, mit der die anderen gerade ihren Spaß hatten. Garve aber saß am Lagerfeuer, das sie vor der Hütte errichtet hatten. Nicht mal wegen dem Sturm wollten sie auf mich hören. Er hielt nichts davon, was die anderen mit den Bewohnern des Gebirges anstellten. Cydnar glaubte nicht, dass etwas hier lauerte, er war zu jung, um sich zu erinnern, aber Garve erinnerte sich nur zu gut: Mehr als zwanzig Sommer war es her, als Lord Maringar zu seinem letzten Feldzug aufbrach. Fünftausend Mann hatte er in die Berge geführt, elf waren zurückgekehrt. Und mit ihnen neue Geschichten über die Schrecken Eswynns.
Garve fuhr aus seinen Gedanken hoch, als er zwischen den Fichten einen Ast knacken hörte. Inzwischen war die Sonne untergegangen. Nichts war zu sehen, nichts rührte sich, trotzdem fühlte er sich beobachtet. Er griff nach seiner Armbrust, dankte dem Göttervater Aegedir im Stillen für die Weisheit, die Waffe gespannt und geladen gelassen zu haben und richtete sie auf jene Stelle, von der das Rascheln gekommen war. Dem Dankesgebet ließ Garve eine Reihe gemurmelter Flüche folgen, während er weiter auf die Stelle zielte. Plötzlich zuckte ein Blitz über den Nachthimmel und tauchte die Welt gerade lang genug in gleißendes Licht, damit Garve ein schwarzes Etwas erkennen konnte, das aus den Ästen auf ihn zuflog.
Er warf sich zur Seite und schoss auf die Stelle – und bereute beides im nächsten Moment. Laut krächzend flog ein Rabe über ihr Feuer und verschwand wieder in der Dunkelheit. Seine Kameraden aber lachten lauthals und machten sich über Garve lustig.
„Das hätt‘ alles Mögliche sein können. Seid froh, dass wenigstens irgendwer aufpasst!“, rief er und klopfte sich Laub und Staub von seinem Mantel, der wie Garve schon weit bessere Zeiten gesehen hatte. „Hier in den Bergen gibt’s viel viel Schlimmeres.“
„Wie abergläubische alte Trottel, die sich vor Raben anscheißen.“, spöttelte Joff, der am Feuer auf einem Spieß Würste briet und immer wieder zu Rudmar und der Frau hinüber schielte, die sie in der Hütte gefunden hatten.
„Leck mich.“
„Näh, da leck ich lieber die da. Wenn ich dran bin.“ Joffs Grinsen ließ erahnen, dass er zu ihr nicht viel netter sein würde, als ihr derzeitiger Peiniger.
„Das solltest du lieber lassen.“
„Hör endlich mit dem Gemecker auf.“
„Hier in den Bergen gibt‘s etwas, mit dem wir uns lieber nicht anlegen sollten.“, murrte der Alte.
„Jaah, Drachen und Trolle und Kobolde und so. Du glaubst den Blödsinn doch nicht wirklich, oder?“
„Nein … also an Drachen und so nicht … aber irgendwas gibt’s hier. Ich hab so ein ganz komisches Gefühl im Bauch.“
„Hunger?“, Joff lachte wieder und Garve hasste ihn dafür.
Er gab es auf, die anderen überreden zu wollen, lud seine Armbrust nach und setzte sich wieder neben das Feuer. Den Blick ließ er über den Waldrand schweifen, denn auch wenn sich seine Ängste zuvor als Rabe entpuppt hatten, konnte da ja trotzdem noch etwas anderes lauern. Wenigstens schien das Gewitter im Süden vorbei zu ziehen. Lange hielt er die Wachsamkeit jedoch nicht durch; immer wieder drifteten seine Gedanken davon. Schließlich nickte er sogar ein.
Bis Rudmar aufschrie. Garve fuhr auf, sah sich um und konnte gerade noch die Frau sehen, wie sie in ihren zerfetzten Lumpen im Wald verschwand.
„Das Biest hat mich gebissen!“, fluchte Rudmar und plagte sich damit, seine Hose anzuziehen.
„Was steckst du ihn ihr auch da rein, wo sie Zähne hat?“, scherzte Joff. Sogar Garve musste schmunzeln.
„Reißt keine dummen Witze, ihr Idioten, schnappt sie!“
Garve schüttelte den Kopf. „Ich geh‘ im Dunklen sicher nicht in den Wald. Lass das Mädel laufen.“
Joff jedoch hatte sich schon seine Keule geschnappt und war halb im Wald verschwunden. „Komm raus, Kleine, komm raus. Wir finden dich sowieso, also gib’s gleich auf.“, hörte Garve ihn rufen. Dann raschelte und knackte es laut – der junge Räuber bahnte sich mit der Keule seinen Weg durch Äste und Brombeerranken in die Dunkelheit. Wenn sie sich hier auskennt, finden wir sie wahrscheinlich nicht mal bei Tag, dachte Garve, behielt es aber für sich. Er hatte keine Lust, wieder verspottet oder gar beschimpft zu werden.
Joff dachte offenbar anders, denn seine Stimme hallte weiter durch den Wald: „Na los, gib’s auf, Kleine. Hier draußen hilft dir keiner.“
„Falsch.“, konnte Garve gerade noch eine viel leisere Stimme sagen hören, die ihm nicht vertraut war.
„Was-“, weiter kam Joff nicht. Dann folgte Stille.
„Joff?“, rief Rudmar nach einer halben Ewigkeit in den Wald. Er hatte es endlich geschafft, sich wieder Hose und Stiefel zu zubinden und stand nun mit seiner Axt in der Hand vor dem Waldrand. Antwort bekam er lange keine, dann fiel ihm mit einem dumpfen Geräusch ein rundes rotes Ding direkt vor die Füße. Der Bandit bückte sich, hob es auf und ließ es gleich wieder fallen. „Was zum …?“ Es war Joffs Kopf.
„Bei den Göttern … Ich hab’s euch gesagt!“, rief Garve – eine Spur zu laut. Die Tür der Hütte flog auf. Heraus kamen zuerst Cydnar – ein junger Mann, der klein und schmächtig, aber nicht zu unterschätzen war – dann Finn die Keule, ein Hüne von einem Mann.
„Was ist hier los? Wer war das?“, bellte Cydnar und wies dabei mit der Spitze seines Schwertes auf Joffs Kopf.
„Wir nicht.“, antwortete Rudmar. „Lief dem Mädel hinterher. Irgendein Kerl hat …“
„Oder irgendwas. Ich hab euch gesagt-“
„Halt die Klappe! Noch ein Wort und ich bring dich um.“
Garve öffnete den Mund und wollte schon weiter schimpfen, als hinter ihnen ein Ast knackte. Alle fuhren herum, doch am Rand der Lichtung sahen sie nur Äste und Dunkelheit.
„Joff hat es in der anderen Richtung erwischt?“, raunte Cydnar.
Rudmar nickte.
„Er spielt mit uns.“ Finn spuckte in Richtung Waldrand.
„Soll er. Wir postieren uns rund ums Feuer.“
„Ich gehe und hole mir die feige Sau.“ Finn stapfte schon los, seine lange mit Nägeln gespickte Keule mit beiden Händen umschlossen.
„Nein. Genau das will er. Wenn er uns will, soll er ins Licht treten. Dann kannst du ihn umbringen, Finn.“
Also stellten sie sich Seite an Seite um das Feuer und starrten ins Dunkel. Mal knackte hier ein Ast, mal da. Ein oder zwei Mal hätte Garve schwören können, dass die Geräusche aus zwei Richtungen gleichzeitig kamen.
Er fuhr zusammen, als wieder etwas knackte, aber diesmal war es nur Finn, der noch nie viel Geduld gehabt und auf ein Stück Holz eingeschlagen hatte, bevor er es ins Feuer warf.
Schließlich reichte es Finn endgültig. Zwei lange Schritte ging er auf den Waldrand zu, baute sich auf und brüllte in die Finsternis: „Komm her! Komm her und kämpf, du Feigling!“
Garve schüttelte den Kopf. Du glaubst doch nicht wirklich, dass das funktionieren wird? Als dann aber eine Gestalt aus der Dunkelheit hervortrat, wäre ihm beinahe das Herz stehen geblieben. Sie war in einen langen schwarzen Kapuzenmantel gehüllt. Das Wesen streckte seinen rechten Arm aus, aus dem plötzlich eine schwarze Wolke hervorschoss. Als diese sich nur kaum mehr als einen Atemzug später wieder verzogen hatte, hielt die Gestalt in der zuvor leeren Hand ein Schwert mit einer seltsam dunklen, teils sogar schwarz schimmernden Klinge.
„Ihr Götter“, hörte Garve Rudmar neben sich murmeln.
Finn aber schnaubte nur, stürmte mit der Keule in beiden Händen auf Joffs Mörder zu und griff mit einem Schwung an, der einen Ritter samt Pferd getötet hätte. Die Gestalt aber duckte sich nur darunter weg und war mit einem Schritt hinter Finn. Ein einziges kurzes Mal blitzte die merkwürdige Klinge auf und der Hüne taumelte und fiel auf die Knie.
„Erschießt ihn!“, brüllte Cydnar.
Seine Hände zitterten wie selten in seinem Leben, doch Garve zielte und schoss. Links und rechts flogen an ihm weitere Pfeile und Bolzen vorbei. Und alle wurden sie von einer gewaltigen schwarzen Wolke verschlungen, zu der das Wesen explodiert war. Immer wieder luden und schossen sie, doch als die Wolke endlich von einem Windstoß von der Lichtung geblasen wurde, war das Wesen verschwunden. Gemeinsam mit Finns Kopf.
Sie aber standen wie angewurzelt da und jedem war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Was Garve jedoch am meisten Angst machte: Sogar Cydnar war kreidebleich. Doch wenigstens er fing sich schließlich. „Ins Haus!“
„Das wird uns auch nicht retten. Du hast das Ding doch gesehen. Wenn es sich Finn schon so leicht holt, was macht es dann mit uns?“
„Zumindest sind drinnen unsere Chancen besser. Also rein!“
Keiner widersprach; sie hasteten in die Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand und schoben einen Schrank und das einzige vorhandene Bett vor die Tür. Ein paar Kerzen brannten noch von vorhin, aber das Feuer im Kamin war ausgebrannt und keiner hatte daran gedacht, Feuerholz mit hinein zu nehmen. Also zerschlug Cydnar den Tisch, auf dem vorher seine Karten des Gebirges gelegen hatten und warf einzelne Stücke in die Glut.
Rudmar ging rastlos auf und ab und spähte abwechselnd aus den Fenstern der Hütte, bis er plötzlich aufschrie und einen Satz zurück machte, stolperte und hinfiel.
„Ich hab’s gesehn!“, rief er. „Es- es stand direkt vor mir.“
Garve zielte mit der Armbrust auf das Fenster, aber da war nichts.
„Und?“, fragten die anderen, „Was ist das für ein Ding?“ Aber aus ihm war nichts mehr herauszubekommen.
Von da an standen sie Schulter an Schulter und behielten Tür und Fenster genau im Auge. Einmal glaubte Garve, er hätte etwas gesehen und schoss ein Fenster ein. Keiner wollte nachsehen, ob er getroffen hatte. Nicht bis wenigstens die Sonne aufgegangen war.
Wenig später sprang ein Fenster auf der anderen Seite der Hütte in Stücke – nur hatte dieses Mal keiner von ihnen geschossen. Erneut wurde es still, bis auf das Knacken des Feuers draußen und die Krähen. Durch die Fenster war keine Spur die Kreatur zu sehen.
„Das ist alles deine Schuld, Cydnar.“, raunte Rudmar gerade noch laut genug, damit Garve es hören konnte.
„Halt die Klappe!“
„Süden, Osten, Westen, alles wär besser gewesen. Deinetwegen verrecken wir hier alle!“
Zur Antwort stieß Cydnar ihm den Knauf seines Schwerts ins Gesicht. Gerade wollte Rudmar auf seinen Angreifer losgehen, als um sie herum alles in vollkommener Dunkelheit versank.
Jetzt holt es uns. Jeglicher Orientierung beraubt taumelte Garve zurück, bis er mit dem Rücken zur Wand stand. Um ihn herum schien endgültig das Chaos auszubrechen: Ein langer schmerzerfüllter Schrei zerriss die Luft, dann hörte Garve Holz splittern. Endlich verzog sich die Schwärze. Garve atmete auf und war froh, noch am Leben zu sein. Bis er das Kapuzenwesen sah. Es hatte Cydnar an der Kehle gepackt und schleifte ihn durch die offene Tür. Dabei zog es eine lange dicke Blutspur hinter sich her, denn die Beine des Banditenanführers endeten knapp unterhalb seiner Hüfte. Neben Garve rappelte Rudmar sich gerade erst wieder hoch – keiner schien in der Finsternis auf den Beinen geblieben zu sein. Indessen hatte die Gestalt Cydnar zum großen Lagerfeuer geschleppt, blickte einmal kurz über die Schulter zu Garve und den anderen und warf sein Opfer mitten in die Flammen.
Das darf doch nicht wahr sein. Götter, lasst das nicht wahr sein! Garve ließ sich auf die Knie sinken. Da stand das Wesen und starrte sie aus seiner Kapuze heraus an, während ihr Anführer lebendig verbrannte und sich die Seele aus dem Leib schrie. Der alte Bandit hatte seine Armbrust in den Händen, sie war sogar geladen, aber er war wie erstarrt. Endlich bewegte sich das Monster, als es Rudmars letztem Pfeil auswich, als hätte ein kleines Kind einen Ball nach ihm geworfen. Es machte einen weiteren Schritt zur Seite und verschwand aus ihrem Blickfeld. Zurück blieben Cydnars Todesschreie.
„S-sollten wir ihm n-nicht helfen?“, stammelte Garve und stemmte sich an seiner Armbrust hoch. Erst jetzt bemerkte er die Nässe, die sich zwischen seinen Beinen ausgebreitet hatte.
„Näh. Ich hau ab. Und wehe, du folgst mir!“
„Spinnst du? Uns jetzt trennen?“
„Wenn wir in unterschiedliche Richtungen rennen und Glück haben, kann es sich nur noch einen von uns holen.“
„Und du verfluchter Hurensohn hoffst, dass ich das bin?!“
„Kann genauso gut mich erwischen.“
Garve atmete tief durch und horchte. Von Cydnar war nichts mehr zu hören.
Rudmar nickte. „Also auf drei. Eins-“
Schon rannte Garve zur Tür raus und bog dann gleich nach rechts ab. Dicht hinter ihm schoss Rudmar ins Freie. Er hatte also auch nicht vor gehabt, bis drei zu warten. Nur noch fünf Schritte trennten Garve vom Waldrand, noch drei, noch einer. Als er endlich ins Dunkel der Nacht eintauchte, hörte er Rudmar laut aufschreien und dann abrupt verstummen. Alles, was noch von der Lichtung ertönte, war das Krächzen der Krähen.


Nächstes Kapitel

Ein Gedanke zu “RdS – Kapitel VI: Garve

  1. Ich habe innerhalb der letzten Tage die hier veröffentlichten Kapitel von Reich der Schatten gelesen. Sehr spannende Geschichte! Vor allem, weil man noch nicht weiß, worauf das Ganze hinausläuft… Würde mich über eine Fortsetzung freuen!

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