RdS – Kapitel IX: Nerevon

Raben waren die einzigen, die sich über die Flut freuten. Sechs Tage hatte es ununterbrochen geregnet, nein, gestürmt. Der viele Regen hatte Bäche zu reißenden Flüssen  anschwellen lassen, die alles mit sich rissen, was ihnen in den Weg kam: Bäume und Häuser, Menschen und Tiere. Noch vor einer Woche hätten sich vor ihren Augen endlose Felder erstreckt, die nur darauf warteten, zu Frühlingsbeginn von den Bauern bestellt zu werden. Wo das viele Wasser nicht in die stets wachsenden Flüsse abfließen konnte, staute es sich und verwandelte die Felder in einen einzigen großen Sumpf. In einen trügerischen noch dazu, denn an vielen Stellen ließ sich nur schwer erkennen, ob man einer scheinbar ruhigen Wasseroberfläche trauen durfte. Häufig drohte eine versteckte Strömung, Unvorsichtigen den Halt zu nehmen und sie in den nächsten Strom zu schwemmen. An anderen Stellen versank man nach und nach im Schlamm. Selbst die Luft hatte sich verändert. Obwohl der Regen aufgehört hatte, war die Luft so feucht, wie man es nur aus Geschichten aus dem fernen Süden kannte. Als würde dadurch das Atmen nicht schwierig genug, war da noch der Gestank nach Verwesung. Manche Tiere konnten sich auf Bäume oder höher gelegene Hügel retten. Aber viele hatten weniger Glück gehabt.
Nerevon musste sich zwingen, den Blick von einem vorbeitreibenden Kuhkadaver zu lösen und sich wieder der Straße nach Nordosten zuzuwenden. Anders als die wenigen Königsstraßen, die von der Hauptstadt Ellybria in alle vier Himmelsrichtungen führten, waren die meisten Straßen ungepflastert und kaum mehr als breit ausgetrampelte Wege. Wege, die bei starkem Regen rasch aufgeweicht waren und sein Vorankommen trotz Pferd stark verlangsamten. Andererseits erleichterten sie ihm das Spurenlesen. Wäre er auf der Jagd, käme ihm das sehr gelegen, denn es mangelte nicht an Spuren von Rehen, Hasen und anderen Wildtieren. Menschen jedoch mieden bei solchem Wetter die Straßen. Sie suchten in der Regel ihr Zuhause oder eine geeignete Raststätte auf und warteten, dass sich die Straßenverhältnisse besserten.
Nerevon jedoch hatte sich beim ersten Anzeichen von besserem Wetter ein Pferd genommen und war losgeritten. Sein Ziel war die nordöstliche Grenze zwischen den Ländereien der Windläufer und der Durrance. Genauer gesagt die Stelle, an der Wegelagerer Adan Mallister getötet hatten. Die Chancen waren gering, dass es Elyna nach ihrem Verschwinden dorthin gezogen hatte. Als schließlich ihr Schimmel am nächsten Morgen vor Tistrons Stadttoren gefunden worden war, hatte Lord Thedas die Suche hauptsächlich auf die unmittelbare Umgebung der Stadt konzentriert. Sämtliche adeligen Gäste, die wegen des Turniers zu Eldreds Geburtstag in die Stadt gekommen waren, hatten sofort ihre Hilfe angekündigt. Vor allem die Ritter hatten lauthals verkündet, es sei eine Sache der Ehre, die holde Elyna zu finden und zu retten – und vor allem die Ritter erwiesen sich als nutzlos. Je länger die Suche erfolglos gewesen war, umso eher waren sie zum Streiten geneigt. Auf Streit waren bald Fehden gefolgt und auf Fehden brutale Schlägereien und Duelle. Auch Regen und Flut hatten die Suche alles andere als erleichtert. Zuerst hatten die Fährtenleser die Spur verloren, dann die Hunde. Wenig später gab es die ersten Unfälle. Ein Pferd war im Morast gestolpert und hatte sich das Bein gebrochen. Marc, der Reiter, war mit dem Kopf voran in einem der wachsenden Tümpel gelandet und lag nun mit einer Lungenentzündung in den Quartieren der Wache auf Festung Sturmauge. Solange der Regen angedauert hatte, war auch die Suche nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Entsprechend düster war die Stimmung in Burg und Stadt. Auch das war ein Grund gewesen, warum Nerevon seine Suche weiter entfernt fortsetzen wollte. Lord Thedas hatte er vorgeschlagen, die Bauern in den weiter entfernten Dörfern zu befragen. Auf jemanden wie ihn würden sie anders reagieren als auf Adelige, die meist nur auf sie herabblickten. Der Lord hatte sich nicht gerade begeistert gezeigt, vor allem nicht, da Nerevon darauf bestanden hatte, alleine zu suchen. Doch am Ende hatte er seine Erlaubnis gegeben.
Nach einem letzten Blick auf die Kuh, die den Strom hinab auf das Meer zutrieb, gab der junge Jäger seinem Pferd die Sporen. Es fiel ihm nicht gerade leicht, den Gedanken zu verdrängen, dass Elyna ein ähnliches Schicksal wie die Kuh erlitten haben könnte, aber er konnte nicht riskieren, wichtige Spuren oder gefährliche Stellen zu übersehen. Das letzte, was er alleine auf der Straße gebrauchen könnte, war ein Unfall, der sein Pferd oder ihn selbst verletzen würde. Zu viel Zeit konnte er sich allerdings auch nicht lassen, denn die Sonne stand bereits tief und er wollte die Nacht nicht in dieser kalten, feuchten Umgebung verbringen. Also folgte er so schnell es die Vorsicht erlaubte der Straße, die sich dem stark angeschwollenen Fluss entlang nach Nordosten wand. Immer wieder musste er Stellen ausweichen, wo die Straße unter Wasser stand.
Die Sonne war bereits seit einer Stunde untergegangen, als Nerevon den Hügel hoch ritt, auf dem Kirschbühl lag, das letzte Dorf vor der Grenze, das mehr war, als nur ein paar dicht bei einander stehende Bauernhöfe. Aus vielen Schornsteinen quoll Rauch und viele unterschiedliche Düfte vom Abendbrot der Bewohner stiegen ihm in die Nase, als er auf die Taverne in der Mitte des Dorfs zusteuerte. Nachdem er bei dem Wirt für einen Platz im Stall für sein Pferd und für ein Zimmer für sich selbst bezahlt hatte, nahm Nerevon an einem der Tische nahe am Kamin Platz und sah sich um. Der Schankraum war größtenteils leer. Ein paar Bauern des Dorfs und der Schmied saßen an einem Tisch, drei fahrende Händler an einem anderen. Und in der dunklen Ecke am anderen Ende des Raums hatte sich noch der Dorfsäufer eingenistet, den leeren Humpen nach zu urteilen. Es gab keine Musik, kein Gelächter. Dorfbewohner und Händler unterhielten sich untereinander mit gedämpften Stimmen und machten keinerlei Anstalten, die jeweils anderen in ihre Gespräche mit einzubinden. Nerevon war das allerdings egal. Er war müde und hungrig und ihm war so gar nicht nach Gesellschaft. Es genügte ihm vollkommen, für sich allein an seinem Tisch zu sitzen und sich über sein Abendessen, bestehend aus Kartoffelsuppe, ein paar dicken Scheiben Brot und einem großzügigen Humpen Bier her zu machen.
Als er die Suppenschale geleert und mit dem Brot ausgewischt hatte, lehnte er sich zurück, genoss die Wärme des prasselnden Kaminfeuers und nahm erst dann die anderen Gäste genauer in Augenschein. Auf den zweiten Blick fielen ihm einige wichtige Unterschiede zwischen den beiden Tischen auf: Während die Bauern reichlich mürrisch wirkten und pessimistisch über Flut, Ernte und Steuern diskutierten, hatte das Ende des Regens bei den Händlern für deutlich fröhlichere Gesichter gesorgt. Dürfte wohl bei keinem hier schaden, wenn ich ihm einen ausgebe, dachte Nerevon und wanderte in Gedanken zu dem Geldbeutel, den Thedas Windläufer ihm mitgegeben hatte. Nachdem er für Zimmer, Stall und Essen gezahlt hatte, waren noch neunzehn Silbermünzen und ein paar Kupferlinge darin. Mehr als genug für einige Humpen Bier. Oder eine Flasche Kirschschnaps, für den das Dorf berühmt war. Rasch holte er eine weitere Silbermünze aus dem Geldbeutel und hätte beinahe schon den Wirt herbei gewinkt, hielt dann aber doch inne. Er hatte keine Ahnung, was genau er Bauern, Händlern oder gar den Schmied fragen wollte. Und wen zuerst? Also blieb er auf seinem Platz sitzen, drehte die Münze in seiner rechten Hand hin und her und überlegte. Die Dorfbewohner würden mehr über die unmittelbare Umgebung wissen, die Händler hingegen könnten vielleicht Elyna über den Weg gelaufen sein. Wenn sie nicht schon von Beginn der Unwetter an in Kirschbühl festsaßen. Oder vielleicht war sie durch das Dorf gekommen und ihnen aufgefallen. Oder sie hatten etwas von einem anderen Reisenden aufgeschnappt. Oder …
„Und was bringt dich nach Kirschbühl?“
Nerevon wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Ehe ihm so recht bewusst war, wer in gerade angesprochen hatte, entgegnete er ein rasches: „Hm? Wie bitte?“
Die vier Bauern und der Schmied blickten ihm mit Mienen entgegen, die man nicht einmal mit besonders viel Fantasie als freundlich bezeichnen konnte.
„Gibt nicht viele, die’s bei dem Wetter raus bringt.“, sagte ein anderer Bauer, dessen Gesicht Nerevon den ganzen Abend schon abgewandt war – und dessen Stimme überraschend weiblich klang. Auf den zweiten, genaueren Blick hin stellte sich der Bauer als Bäuerin mit kurz geschnittenen, strohblonden Haaren heraus, in denen sich auch schon einige graue Strähnen fanden. „Die meisten haben was ausgefressen. Zehn Kupferlinge, dass ihn sein Mädel rausgeworfen hat.“ Ihre Tischkumpane lachten. Für gewöhnlich konnte Nerevon es nicht ausstehen, wenn man auf seine Kosten scherzte, doch in diesem Fall lockerte es die Anspannung auf, die seit seiner Ankunft im Raum geherrscht hatte. Also zwang er sich, mitzulachen und antwortete erst, als das Gelächter verebbte.
„Nein. Eigentlich suche ich eines. Ein Mädchen, etwa meine Größe, dunkelbraunes Haar … hübsch. Ist von Tistron ausgerissen.“
Der Schmied pfiff durch die Zähne und fügte hinzu: „Tistron, ganz schöne Strecke von hier. Was soll dein Mädel hier raus verschlagen haben?“
„Sie ist nicht mein Mädchen!“
„Aber das hätt‘ste  gern, nicht?“, antwortete der Schmied mit einem Grinsen, das in Nerevon den Wunsch weckte, sein Gegenüber als Zielscheibe für seinen Bogen zu missbrauchen. Der muskelbepackte Mann schien Nerevons Anspannung zu bemerken, denn er lenkte ein: „Schön. Also was soll dieses Mädel hierher verschlagen haben?“
„Ist nur ein Verdacht. Ihr Verlobter starb vor kurzem nicht weit von hier.“
„Hm. Niemand den ich kenne.“, der Schmied blickte in die Runde an seinem Tisch. Einer nach dem anderen zuckte mit den Schultern, doch dann stieß die Bäuerin mit den kurzen Haaren einen Stöhnen aus.
„Ach scheiße, ‘s is‘ ‘ne Adelige.“ Alle – inzwischen auch die fahrenden Händler – blickten zwischen der Bäuerin und Nerevon hin und her, bis sie endlich fortfuhr: „Diesen Mallister Lordling haben sie auf der Straße umgebracht. Entweder war das dieser Verlobte … oder ‘s war eins der armen Schweine, die sie dafür gehängt haben.“
„Wegelagerer. Elyna hätte nie mit so einem-“
Lautes Klirren aus der dunklen Ecke des Schankraums unterbrach Nerevon. Der Säufer hatte sich an seinem kleinen Tisch hoch gestemmt, diesen gekippt und damit die Hälfte seiner Flaschen, Humpen, Becher und Gläser auf den Fußboden befördert. Ihn selbst schien das überhaupt nicht zu stören, denn er torkelte erstaunlich zielstrebig auf Nerevon zu und begann laut, beinahe schon hysterisch zu schreien: „Wegelagerer! Gib’s hier nich‘, gab’s ewig nich, gib’s noch … ewig nich‘. Lüge! Alles Lüge!“
Er hätte noch weiter geschrien und gesäuselt, wäre er nicht ins Straucheln gekommen. Der Schmied war gerade noch von seinem Platz aufgesprungen und hatte den Säufer aufgefangen. Nur nach und nach gelang es ihm, den Betrunkenen zu beruhigen.
Nerevon nutzte die Gelegenheit und setzte sich neben die Bäuerin. „Wovon hat der Mann da gesprochen?“
Die Frau senkte Kopf und Stimme: „Nachdem sie Mallister nach Tistron weiter gekarrt haben, kam Wallis, ein Bauer von außerhalb ins Dorf. Besoff sich genau wie Fred jetz‘. Brabbelte von Verschwörung und Dämonen und dunklen Mächten und was weiß ich was noch. Hat beim Wildern zu tief in den Weinschlauch geschaut, wenn du mich fragst.“
„Sch!“
„Was? Er hat gewildert. Jetz‘ wo er tot is‘, kann man’s ruhig sagen.“
Nerevon hob die linke Augenbraue. „Dieser Wallis ist tot?“
Die Bäuerin nickte. „Sah zum Fürchten aus. Hat im Schlaf der Schlag getroffen.“
„NEIN!“ Fred hatte sich vom Schmied losgerissen und stützte sich genau vor Nerevon mit beiden Händen auf den Tisch und blickte schwer atmend und nach allen erdenklichen Sorten Alkohol stinkend auf ihn hinab. „Nich‘ der Schlag. ‘s war was Böses. Dämonen, Geister, was weiß ich!“
„Es gibt keine Dämonen oder Geister.“
„Doch, Sir, gib’s. Hab’s gesehn. Hab ihn heim g’bracht, ‘n Wallis. Damals.“ Freds Blick wurde so klar und finster, dass Nerevon eine Gänsehaut bekam. „Hab ihn heimgebracht. Auf seinen Hof, dort übernachtet. Und mitt’n in ‘er Nacht ging die Tür auf und ‘n Weibsbild kam rein. Hat g’sungen, nein, g’summt. Zuerst schön, aber ‘s wurd‘ kalt und dann … dann haben‘s sich bewegt! Die Schatten. Kamen näher, immer näher. Hatt‘ Glück, dass ich ‘s Maul gehalten hab‘, sonst hätt’s mich auch geholt! Hat mich nich‘ gesehn, nich‘ gehört. Is‘ zu Wallis gegangen, zum Bett, hat die Hand nach ihm ausgestreckt. Und geschrien hat er, so geschrien. Hat ihm die Seele rausgerissen, sag ich. Wegen dem, was er geseh‘n hat, sag ich. Hat’s mir erzählt. Dafür hat’s ihn geholt, das …“ Er hielt inne, um nach dem richtigen Wort zu suchen, gab aber schließlich auf.
„Was hat er gesehen?“, hakte Nerevon nach. Wenn Aedan Mallister nicht von Wegelagerern getötet worden war, wenn dieser Säufer die Wahrheit sprach … er wollte sich gar nicht ausmalen, wohin diese Gedanken führen konnten. „Fred? So heißt du doch, ja? Sag mir, was er dir erzählt hat.“
„Nein!“ Fred stieß sich so fest vom Tisch ab, dass er das Gleichgewicht verlor und rücklings zu Boden fiel und kaum dass er auf dem Boden lag, krabbelte und robbte er sich von Nerevon weg und stammelte unentwegt: „Darf’s nicht sagen, darf’s nicht sagen! Kommt mich holen, darf’s nicht sagen!“
Sprachlos beobachtete Nerevon, wie der Schmied Fred inzwischen auf die Beine half und mit beschwichtigenden Worten zur Tür brachte. Drei Mal ließ Fred sich von ihm versprechen, dass er auf ihn aufpassen würde, ehe er sich ins Freie bringen ließ.
„Schlimme Sache, wenn’s einen so trifft.“
„Ob an der Geschichte was dran ist?“ Sie warf ihm denselben Blick zu, den Kinder bekamen, wenn sie nach Feen und Kobolden fragten.
„Wenn was dran is‘, erfährst du‘s erst morgen. Heute Nacht, im Suff …“ Die Bäuerin schüttelte den Kopf. Von da an nahmen die Gespräche einen anderen Verlauf. Die Bauern und Händler diskutierten über das Wetter, den Zustand von Straßen und Feldern. Nach und nach verließen die Gäste den Schankraum und machten sich auf die Suche nach ihren Betten. Zurück blieben letztlich nur der Wirt, der die Überreste von Freds Getränken zusammenräumte und ein sehr nachdenklicher Nerevon.
 
Ein plötzlicher Schrei riss ihn aus dem Schlaf. Verwirrt blickte er sich um. Er saß immer noch an jenem Tisch im Schankraum, an dem ihn die Bauern zurück gelassen  hatten. Doch das einzige Licht im Raum kam von den schwach glühenden Kohlen des Kaminfeuers. Die Kerzen waren ausgeblasen und vom Wirt fehlte jede Spur. Ein zweiter Schrei ließ ihn zusammen zucken. Dieses Mal jedoch kam sein Jägerverstand in die Gänge und der hatte vor allem zwei Dinge aus dem Schrei herausgehört: Zum einen war es ein Mensch gewesen, der aus Angst oder ungeheuren Schmerzen geschrien. Und zum anderen war der Schrei von draußen gekommen.
Mit ausgestreckten Armen tastete Nerevon sich an Tischen und Stühlen vorbei zu einem Fenster neben der Eingangstür und spähte durch den Spalt zwischen den Verschlägen. Er schien nicht der einzige zu sein, den die Schreie geweckt hatten. Um ein kleines Häuschen am anderen Ende des Dorfplatzes standen bereits einige Beobachter mit Fackeln und Kerzen und blickten verunsichert zwischen dem Haus und den jeweils anderen Beobachtern hin und her. In Anbetracht von Marc Durrances Bericht über die Wegelagerer in dieser Gegend war Nerevon zwar beruhigt, dass das Dorf scheinbar nicht überfallen worden war, doch andererseits waren hier am Fenster weit mehr Schreie zu hören, die sich anhörten, als würde jemand mit glühenden Eisen gefoltert. Ein Teil von ihm sehnte sich nach nichts mehr, als sein gemietetes Zimmer aufzusuchen, sich ins Bett zu legen und die Sache den Dorfbewohnern zu überlassen. Doch etwas sagte ihm, dass er sich der Sache annehmen sollte, so wenig ihm das auch schmeckte. Mit einem raschen Griff vergewisserte er sich, dass er seinen Dolch immer noch am Gürtel trug, öffnete dann die Tür und ging nach draußen. Der menschliche Kreis um das Haus war inzwischen weiter gewachsen. Da von Wachen oder vom Vogt, der Kirschbühl für Lord Windläufer verwaltete, jede Spur fehlte, steuerte Nerevon auf den einzigen zu, den er unter den Dörflern erkannte.
„Das is‘ Freds Haus.“, sagte der Schmied, kaum als Nerevon neben ihm zu Stehen gekommen war. Der Jäger blickte zum Haus. Es waren nicht wie zuvor angenommen einzelne Schreie, dort drinnen schrie sich jemand die Seele aus dem Leib und machte kaum Pausen, um Luft zu holen. Direkt vor ihm wandte sich eine junge Frau von Haus und Schreien ab und eilte unterdrückt schluchzend davon. Normal wären ihr ein paar abfällige Kommentare gefolgt, doch es schien, dass die meisten Umstehenden sie um den Luxus der Flucht beneideten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass kaum jemand von ihnen sprach, selbst Geflüster war eine Seltenheit.
„Hat schon jemand nachgesehen, was da drinnen los ist?“
Der Schmied schüttelte den Kopf.
„Ist dir irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen, als du ihn heimgebracht hast?“
Erneutes Kopfschütteln. Nerevon bezweifelte, eine ausführlichere Antwort zu bekommen, doch dann fügte der Schmied ohne den Blick von Freds Haus abzuwenden hinzu: „Hat immer nur von Dämonen gestammelt. Hab gedacht, es wär Blödsinn, Hirngespinste …“
Er brauchte den Satz nicht zu vollenden, um auszusprechen, was alle dachten. Sogar Nerevon. Alles in ihm sträubte sich dagegen, dieses Gebäude zu betreten, doch er sagte sich: Dieser Mann, dieser Fred hat Antworten, die ich brauche. Wenn ich ihm nicht helfe und er die Nacht nicht überlebt …
Er machte einen ersten Schritt auf die Haustür zu, dann einen zweiten, schob einen Dörfler sanft aber bestimmt zur Seite, ein dritter Schritt, nahm dem Dörfler die Fackel ab, ein vierter Schritt. Ehe er sich versah, hatte er die Tür erreicht und griff nach der Klinke. Beinahe konnte er fühlen, wie sämtliche Dorfbewohner hinter ihm den Atem anhielten. Er drückte die Klinke nach unten, öffnete die Tür einen Spalt breit und blickte hinein. Außer tiefster Dunkelheit konnte er nichts erkennen. So langsam wie möglich öffnete er die Tür und war überrascht, dass sie nicht quietschte. Mit der Linken hielt er die Fackel in den kleinen Hauptraum, mit der Rechten zog er seinen Dolch. Im Licht der Fackel schlich er vorbei an einem Tisch mit Stühlen, an einem Ofen und einer Anrichte, vorbei an Regalen voller Flaschen, Büchsen und Einmachgläsern. Als er die Hälfte des Raums durchquert hatte, warf er einen Blick über die Schulter. Wenn er gehofft hatte, dass sich einige der Dorfbewohner ein Herz fassen und ihm folgen würden, so wurde er enttäuscht. Er ging weiter auf die Schreie zu, die aus einem hinteren, um eine Ecke liegenden Teil des Raums zu kommen schienen. Noch zwei Schritte, bis er endlich um die Ecke blicken konnte. Ein Schritt, Pause, horchen. Die Schreie wurden immer mehr und immer lauter. Ein zweiter Schritt – mit einem lauten Knall fiel die Haustür zu, mit allen Dorfbewohnern, mit Hilfe auf der anderen Seite. Sie hätten genauso gut auf der anderen Seite der Welt sein können. Nerevon verlagerte das Gewicht auf seinen vorderen Fuß und spähte um die Ecke. Auf einem Bett in einer schmalen Nische des Hauptraums lag der panisch brüllende Fred, als hätte er einen Albtraum, aus dem er nicht aufwachen konnte. Neben ihm auf der Bettkante saß eine Gestalt, eine junge Frau, wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellte, eine Hand auf Freds Stirn gelegt. Als Nerevon näher kam, blickte sie zu ihm auf und verzog den rechten Mundwinkel zu einem halben Lächeln. Beinahe wären die Schreie des Schlafenden verebbt, doch eine leichte Drehung der Hand auf seiner Stirn ließ ihn erneut losbrüllen und heulen und sich im Bett aufbäumen.
„Was machst du da mit ihm?“, Nerevon hatte gehofft, fordernd, sogar gebieterisch zu klingen. Das tatsächliche Resultat hätte nicht weiter entfernt sein können.
Die Frau legte nur den Kopf schief. Unter anderen Umständen hätte er sie schön gefunden, sich vielleicht sogar in sie verlieben können. Doch nicht in diesem nächtlichen Häuschen und nicht mit dem panisch brüllenden Schlafenden neben ihr. Ob sie tatsächlich ein Dämon war oder einfach nur eine sehr unheimliche Frau, sie folterte Fred offenbar zu Tode. Nach zwei weiteren langen Schritten stand Nerevon über der Frau und hielt ihr die Spitze seines Dolchs ans Kinn.
„Lass den Mann in Frieden!“
Sie schnaubte und vollführte eine rasche Drehung der Hand auf Freds Stirn. Hatte der Mann zuvor geschrien, so brüllte er nun, bäumte sich mehr auf als je zu vor, schlug und trat um sich – und war plötzlich still. Ein kurzer Blick auf die entsetzte Fratze Freds, die grotesken Winkel, in denen seine Arme und Beine zum Stillstand gekommen waren, war mehr als die Frau brauchte. Schneller als er sich erträumt hätte, war sie aufgesprungen, hatte mit der Rechten das Handgelenk von Nerevons Dolchhand gepackt und von sich weg gedrückt und drückte beinahe gleichzeitig ihren linken Zeigefinger gegen seine Schläfe. Mit einem Mal waren Hütte und Frau verschwunden und Nerevon war zurück in Tistron. Burg Sturmauge brannte, überall lagen verstümmelte Leichen und als er hoch blickte, konnte er Elyna erkennen, wie sie mit einem Strick um ihren Hals vom Bergfried hing. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Kopf. Er taumelte zurück, das verwüstete Tistron und der dunkle Raum von Freds Haus verschwammen in einander. Er stolperte, fiel zu Boden. Die Frau kicherte, stieg über ihn hinweg. Er streckte die Hand aus, versuchte, sie am Knöchel zu packen, doch dieser schrumpfte, schrumpfte immer weiter und wurde pelzig. Die Welt – mal ein Flammenmeer, mal tiefste, tiefste Dunkelheit – fing an, sich um ihn zu drehen, ihm war schlecht und sein Schädel dröhnte. Und gerade als alles um ihn herum dunkel wurde, hätte er schwören können, dass eine schwarze Katze ihn angefaucht hatte.

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