Reisebus Katholizismus

Man stelle sich die römisch-katholische Kirche wie einen Reisebus vor. Am Steuer sitzt der Papst, die besten Sitzplätze sind den Kardinälen vorbehalten, auf den restlichen tummeln sich die Bischöfe der Welt. Der übrige Klerus und die Gläubigen haben hinter dem Bus herzulaufen. Die Frommsten direkt hinter dem Auspuff. Der Bus gibt die Richtung vor, die gläubigen Jogger sollen blind vertrauend folgen.
So fährt der Bus durch die Jahrhunderte. Hindernisse wie Menschen anderer Meinungen oder Glaubensrichtungen werden kaum berücksichtigt, sondern vielmehr überfahren und als Schlaglöcher abgetan.
Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen fahren Religion und Politik auf unterschiedlichen Straßen, auch wenn diese sich noch hier und dort kreuzen.
Noch immer fährt unser Reisebus umher, auch wenn der Fahrer schon oft gewechselt wurde. Allerdings klafft mittlerweile zwischen der Welt, wie die Passagiere des Buses sie wahrnehmen, und der Welt, wie sie vom Rest der Welt wahrgenommen wird, eine breite und tiefe Schlucht. Genau auf diese Kluft zwischen Kirche und moderner Welt steuern unser Bus und seine Anhängerschaft zu. Man könnte meinen, es wäre angebracht, rechtzeitig anzuhalten und eine Brücke über diese Schlucht zu bauen. Stattdessen rast der Bus munter weiter auf die Schlucht zu; jüngste Kirchenmissstände wie die Missbrauchsskandale scheinen den Bus noch mehr auf seinem Weg anzutreiben.
Scheinbar hat der Busfahrer Benedikt XVI. auch endlich den großen Graben vor sich entdeckt. Sein Zugeständnis, dass Kondome in Einzelfällen bei Prostituierten zum Schutz vor HIV verwendet werden können, erinnert allerdings wenig an eine Vollbremsung oder gar den Bau der Brücke. Vielmehr gleicht es dem schwachen Antippen des Bremspedals um dann, wenn man in die Tiefe rauscht, sagen zu können: „Ich hab’s mit Bremsen versucht! Hat aber nicht funktioniert!“

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Am 3. Dezember 2010 in der Presse gedruckt.

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